* Rund Europa 2017 (Oktober), 6. Tag: Archaia Pisa-Pylos

Montag, 16.10.2017, 19:27:41 :: Gialova/Pylos, Hotel Resort Zoe

Gestern Abend hole ich mir die letzten Nachrichten. Erleichtert bin ich nicht: In Niedersachsen hat die SPD die Stellung gehalten, die CDU leicht verloren. Und in Österreich sind die Rechten endgültig auf dem Vormarsch. Schönes Europa. Die ganze ehemalige k.u.k.-Ecke scheint sich gegen Brüssel im nationalen Separatismus einzuigeln.

Aber nicht deshalb habe ich die Nacht schlecht geschlafen. Als wir dann so gegen halb zehn in Archaik Pisa viel zu spät loskommen und uns nach Olympia hinunter zu begeben habe ich schon so eine Ahnung…

Und als ich dann auf den Parkplatz fahre, die Busse und die Menschenmassen sehe, da bin ich mir schnell sicher, dass ich heute wieder an diesem Kelch, ein viertes oder fünftes Mal, vorbei gehe, Kultur und Interesse an Altertümern hin oder her.

Und so grüssen wir noch schnell zurück, als eine Busladung Schwaben mit Hallo an uns vorbei zieht – sie seien aus Stuttgart, wir sollen Ludwigsburg grüssen – und fahren durch die wasser- und seenreiche Ebene gemütlich hoch in die Berge, am Hang der kommenden Bergrücken nach Süden. Das Sträußchen ist gesäumt von Olivenbäume, deren Äste tief herabhängen, schwer tragen sie an den reichlich reifenden Oliven. Es ist eine kleine Sorte, denn zuweilen wird schon geerntet.

Der Palast des Nestor ist das nächste Ziel auf dem Weg nach Pylos.

Im Bergdorf Mouzaki machen wir nach einer teils halsbrecherischen Fahrt auf geröllfeldartigen Strassenabschnitten halt für einen Kaffee.

Die Taverne führt eine blutjunge Mutter, hübsch aber sicher hier nicht glücklich mit ihrem ca. zweijährige Blondschöpfchen, auf die weniger die Mutter als die Gäste aufpassen…

Einer der Männer am Nebentisch erkundigt sich nach einiger Zeit wie üblich, woher wir kommen.

Naxos, antworte ich. Kennt er offenbar nicht, er murmelt was von »Epiroti«, was nahelegt, dass er Naxos in Nordgriechenland verortet. Sein Mitsitzer am Tisch, aus seiner Mimik und dem verständnisvollen Wiederholen des Wortes »Naxos« zu schliessen, hingegen schon. Ja, unsere griechischen Inselfreunde mögen schon recht haben: Wir kennen ihr Land oft besser als sie selbst.

Der Palast ist heute geschlossen

Als wir auf den Parkplatz unseres archäologischen Ziels rollen, ahne ich es schon: Der Palast ist eines jener Altertümer, die nicht so häufig besucht werden wie Olympia: Montag ist Ruhetag; »Δευτέρα« sagt der Arbeiter nur, der aus dem Gelänge kommend das Tor wieder hinter sich schliesst und nur die Schultern zuckt. Einen weiteren Reinfall ertrage ich heute nicht mehr. Wir suchen jetzt eine angenehme Bleibe, obwohl es erst kurz nach zwölf ist.

An der Nordseite der Buch von Pylos in Gialova finden wir direkt am Strand das Hotel Resort Zoe, das wir mit Emphase empfehlen können. Lis nimmt hier direkt ein Apartment mit zwei getrennten Zimmern. So ist die Nachruhe beider gesichert.


Wir kommen uns vor wie auf La Palma

Der Strand ist wie gesagt vor der Tür, ein grosses Schwimmbecken auf dem Gelände, ebenso ein sehr gepflegtes Restaurant. Alles perfekt. Morgen werden wir Nestors Palast nachholen und uns Pylos ansehen. Vor exakt 190 Jahren, genau am 20. Oktober 1827, fand in der Bucht vor uns,

wo wir hier am Strand liegen und die Beine nach Süden strecken, die entscheidende Schlacht von Navarino statt, nicht zu verwechseln mit der Seeschlacht von Lepanto. Die war 16.. weiter nördlich in der Bucht vor Patras beim heutigen Nafplio. Die extrem verlustreiche Schlacht hier in der Bucht bedeutete das Ende der osmanischen Herrschaft in Griechenland und machte klar, wer fürderhin in Griechenland das Sagen haben würde: Gross Britannien, Frankreich und Russland.

Auch Deutschland beziehungsweise Bayern wurde früher Nutzniesser:

Mit der ägyptisch-türkischen Flotte war eine große Anzahl bronzener Kanonen untergegangen. Ein Großteil davon wurde unter dem griechischen König Otto gehoben und als Recyclingmaterial in Europa verkauft, wobei etliche davon nach Bayern gelangten und für den Guss des Obelisken am Karolinenplatz in München, der Bavaria und der Tilly-Statue in der Feldherrnhalle verwendet wurden.

Wikipedia

Tauchen mit Atemgerät ist auch heute noch bei schwerer Strafe verboten – die gesunkene türkisch-ägyptische Flotte liegt noch immer da unten am Grund.

Wir geniessen indes den Abend.

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* Rund Europa 2017 (Oktober), 4. Tag: Tripoli

Samstag, 14.10.2017, 15:24:41 :: Tripoli, Hotel Arkadia

Das opulente Frühstücksbüfet hat uns heute früh weniger beschäftigt als die Frage, ob wir heute am Samstagmorgen eine Werkstatt finden würden, die uns nach Inspektion sagen können würde, was das Senfle denn nun hat, nachdem es ja gestern zu unserm Entsetzen begonnen hatte, schrille Töne von sich zu geben.

Zugegeben, es ist jetzt 16 Jahre alt, das Senfle, wurde von uns wahrlich nicht geschont seit wir es im Mai 2010 gebraucht erworben haben. Über 170.000 (einhundertsiebzigtausend) Kilometer hat dieser Twingo uns durch Europa getragen, auf den jämmerlichsten Schotterpisten und auf Autobahnen – es war, kurz gesagt, abzusehen, dass was Grösseres kommen würde. Aber warum ausgerechnet an einem »Freitag, den Dreizehnten«?

Nachdem wir auf der Bank Geld geholt und die iPhones mit Geld bei COSMOTE aufgeladen haben um dann endlich beim Deutschen ADAC eine Werkstatt genannt zu bekommen, fahren wir mit böser Ahnung stadtauswärts zur genannten Adresse, nachdem niemand ans Telefon gegangen ist. Nach etwas suchen finde ich auch die kleine Werkstadt für die Franzosen. Aber ein dickes Vorhängeschloss verheisst wohl, das eben Wochenende ist. Auch in Griechenland.

Also zurück zum Hotel; wir finden uns innerlich schon ab, dass es wohl Montag werden wird… Später versuche ich’s noch einmal mit einem Anruf – und es wird abgehoben!

English?
– Οχι, μονο Ελληνικά!

Das kann heiter werden. Als wir dort wieder vorfahren, steht ein freundlich lächelnder und des Englischen mächtiger junger Mann parat, hört sich alles an und übersetzt; der Chef hat ihn wohl extra herbei gebeten. Wir unterhalten uns über Naxos und über die Gegend von Agios Prokopios, die er sehr schätzt. In der Zwischenzeit ist das Senfle bereits jeweils links und rechts angehoben worden und die Vorderräder werden mit ordentlich viel Gas auf Hochtouren gebracht. Es scheint alles geklärt, unser Übersetzer verabschiedet sich mit einem gewinnenden Lächeln.

Ja, das sind die Kugellager

– auf beiden Seiten. Wir lernen, dass das die τα ρουλεμάν sind und dass sie ausgewechselt gehören. Wann? Heute? Ja, wenn wir wollen, das geht. Der Chef bestellt die Teile telefonisch, nachdem wir in der Zulassung die nötigen Daten gefunden haben und holt die Kugellager nach kurzer Zeit. Das Senfle steht mittlerweile auf der Hebebühne.

Der Mechaniker baut die Räder ab und inspiziert. Die Bremsen müssten auch gemacht werden, meint der Chef. Und die Manschetten an den Antriebswellen sind nach einem Jahr auch schon wieder hinüber – der Radkasten ist voller Fett. Und wenig später zeigt er mir das erhebliche Spiel der Räder – es sind die Gelenkköpfe. Und das Getriebeöl? Sei nicht mehr ok. Alles wird in kurzer Zeit telefonisch bestellt, vorbeigebracht beziehungsweise herbei geschafft.

All das erledigt der Mechaniker innerhalb von vier Stunden, die wir im Büro bei Versorgung mit Getränken und Knabberkram durch die Frau des Chefs bei funktionierendem Internet bei irgendwie stetig steigender guter Laune verbringen.

Die Chefin schmeisst den Laden hier organisatorisch. Sie haben drei Kinder, wir klagen gemeinsam über das miserable griechische Schulsystem, die hohen Kosten für die unvermeidlichen abendlichen Nachhilfestunden, ohne die kein Kind die Universitätsreife erlangen könnte. Urlaub? Kennt sie seit über 20 Jahren nicht, die Kinder und die Werkstatt, es reicht allenfalls mal für zwei, drei Tage nach Kalamata oder auf die Mani. Sie befindet, dass wir Griechenland besser kennen als sie…

Als nach einer Probefahrt durch den Chef alles klar ist bezahlen wir eine Rechnung, die in Deutschland gut und gerne doppelt so hoch ausgefallen wäre, verabschieden uns sehr dankbar und bleiben nun eben einen Tag länger in Tripoli.

Der Held des Tages

Falls also je jemand in Tripoli mit einem französischem PKW…

Tripoli

Die Stadt macht einen deprimierenden Eindruck mit all den geschlossene Geschäften. Aber dazu meinte die Frau des Werkstattchefs, dass es Tripoli noch relativ gut gehe, im Gegensatz zu Athen oder Thessaloniki. Und da hat sie sicher recht.

Wir werden also morgen früh weiterfahren, hinüber Richtung Olympia.

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* Rund Europa 2017 (Oktober), 2. Tag: Mykene

Donnerstag, 12.10.2017, 19:40:22 :: Mykene, Hotel »La petite Planète«
Samstag, 14.10.2017, 21:41:54 :: Tripoli, Hotel Arkadia


Sonnenaufgang auf der Frühstücksterrasse

Dass ausgerechnet heute ein Asteroid in ca. 44.000 km Entfernung an der Erde vorbei fliegt, während wir im Hotel »Kleiner Planet« genächtigt haben, ist natürlich Zufall, aber irgendwie witzig.

Der Asteroid 2012 TC4 hat die Erde am Morgen in relativ geringem Abstand passiert. Der Vorbeiflug sei wie berechnet pünktlich erfolgt, sagte Detlef Koschny von der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Dabei erreichte der Himmelskörper seinen erdnächsten Punkt um 7.41 Uhr mit rund 44.000 Kilometern Abstand. Zum Vergleich: Der Mond ist etwa 400.000 Kilometer entfernt, geostationäre Satelliten fliegen in einer Höhe von knapp 36 000 Kilometern.

Wir frühstücken gegen halb acht, denn wir wollen die Ersten sein, wenn das archäologische Gelände öffnet. Zu sehr erinnere ich mich an jenen Nachmittag im Mai 2005, als wir auf den Parkplatz fuhren, der voller Busse stand und sich Menschenmassen den Berg zur Burg hinauf bewegten. Meine Reaktion war: Ich sehe die Lage der Burg, die weite Ebene von Argos bis hinunter an den Argolischen Golf und verstehe deshalb, warum Mykene hier entstand – mehr brauche ich nicht.

Ok., das war der Schock. Mittlerweile will ich doch mehr sehen und wissen. Und deshalb sind wir früh auf den Beinen, wenn auch nicht die Ersten; eine Schulklasse ist uns zuvor gekommen.

Über Mykene kann man viel lesen und schauen, ich erspare mir hier umfangreiche Wiederholungen.

Man fand einzelne jungsteinzeitliche Scherben, die vor 3500 v. Chr. datieren. Der Ort war bereits bewohnt, jedoch wurde die Stratigraphie von späteren Baumaßnahmen zerstört.

Wikipedia

Dennoch: Diese mehr als fünfeinhalb tausend Jahre alte Siedlung, später Stadt und Burg, von Heinrich Schliemann wieder entdeckt, ist umwerfend in vielerlei Hinsicht. Schliemann begann 1876 mit den Ausgrabungen. Bis in die Fünfzigerjahre gab es noch bedeutend Funde und wie mir scheint, ist das Ende noch nicht erreicht. Viele Stellen sehen noch unerschlossen aus. Es fehlt wohl, wie überall hier, das Geld…

Wir sind vier Stunden durch die Trümmer gestiegen. Zuerst ausserhalb der Stadt im ersten Tolosgrab (deren gibt es innerhalb der Burg weitere vier).

Dann im Gelände unterhalb der Burg und der Burg selbst, immer mehr verfolgt und umringt von fast ausschliesslich französischen Reisegruppen, deren Busse sich auf dem Parkplatz tief unter uns anhäufen und wuseligen und quietschlebendigen griechischen Schülergruppen, deren jede/r Schüler/in mit Zetteln in der Hand herum läuft um dann an entscheidenden Stellen kleine Vorträge zu halten. Danach sind wir entsprechend erledigt, so dass wir uns einen ruhigen Nachmittag, zunächst am und im Schwimmbecken und danach auf der Couch gönnen; so ist der Artikel vom ersten Tag fertig geworden.


Der Blick zurück


Die Terrasse

Hier also nur ein paar wenige Eindrücke.


Eines der weiteren Gräber


Der Blick ins Tal ist grandios

Das Löwentor


Zur Zisterne tief hinunter. Und wieder hoch. Alles im Stockdunkeln.


Das Nordtor


Das Löwengrab, der Tolos ist eingefallen

Das Museum


Klar, das ist die berühmte Goldmaske

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* Rund Europa 2017 (Oktober), 1. Tag: Naxos – Mykene

Mittwoch, 11.10.2017, 21:28:36 :: Mykene, Hotel »La petite Planète«
Donnerstag, 12.10.2017, 19:06:40 :: Mykene

Wenn man sechs Stunden auf einer Fähre sitzt und sich langweilt, dann muss man sich ernsthaft Gedanken über den eigenen Zustand machen. Inseln verlassen oder dort anzukommen, dazu gehört ein Schiff, heutzutage eine Fähre.

Ich denke an einen Beitrag von Jörg Dauscher, in dem er schreibt:

Wie häufig bin ich schon von Skala Prinos nach Kavala übergesetzt? Ich weiß es nicht mehr genau, ich muss durchzählen: Einmal im noch jungen Frühjahr, dann im Frühling, dann im Juni und wieder im August. Viermal also. Jedesmal habe ich auf dieser Fähre sonderbare Gedanken gedacht. Beim ersten Mal saß ich am Heck, blickte auf die entschwindende Insel und dachte: Dort, wo das Leben und das Sterben, das Tagwerk und die Feiertage noch eine ernste Sache sind, von dort will ich nicht weg! Beim zweiten Mal saß ich vorne am Bug, blickte auf das näherkommende Kavala und wusste, dass ich bald wieder zurückkehren würde. Das dritte Mal war nur eine Unterbrechung, ein Ausflug während der größten Hitze, dieses Mal aber ist es ein Aufbruch. Die Wasser sind violett geworden, der Herbst kommt. Diesmal denke ich, dass ich nun nurmehr mittels einer Fähre nach Hause kommen kann: Ich muss auf einer Fähre sein, um das Gefühl zu haben, ich käme an.

Ich habe sie nicht gezählt, die Überfahrten von und nach Naxos, in den letzten 34 Jahren waren es jedenfalls viele. Jedenfalls bieten diese Schiffsreisen Gelegenheit, seine Mitmenschen zu beobachten; zum Beispiel festzustellen, dass schlechte Erziehung oder schlimmes Verhalten nicht ausschließlich bei nur einer Kategorie von Mitmenschen zu finden ist. Oder wie Paare miteinander umgehen, ob und wie sie miteinander reden oder nur auf ihre Smartphones starren. Ob und was sie lesen …

Lesen, das ist das Stichwort. Ich lese ja viel und gerne und was liegt näher, als auf einem Schiff auf dem Mittelmeer über das Mittelmeer zu lesen.

Man sollte es sich so vorstellen, wie die Alten es getan haben, es mit ihren Augen zu sehen versuchen: als eine Begrenzung, eine bis zum Horizont reichende Schranke, als immerzu und überall gegenwärtige, wundersame, rätselhafte Unermeßlichkeit.
[…]
Inzwischen ist das Meer geschrumpft, jeden Tag ein wenig mehr, eingegangen wie Chagrinleder. Heutzutage überquert ein Flugzeug es in nord-südlicher Richtung in einer knappen Stunde, von Tunis nach Palermo in dreißig Minuten – kaum sind Sie gestartet, sehen Sie schon den weißen Saum der Salinen von Trapani unter sich, fliegen Sie von Zypern ab, dehnt sich unter Ihnen eine schwarze und violette Masse, Minuten später erblicken Sie Rhodos, dann die Ägäis, die Kykladen, deren Farbe in der Mittagshelle ins Orange spielt: Sie haben nicht Zeit gehabt, sie einzeln zu erkennen, schon landen Sie in Athen.
[…]
Vom geschichtlichen Mittelmeer sprechen heißt also, ihm seine wirklichen Ausmaße wiedergeben, sich ein Bild von seiner gewaltigen Ausdehnung machen. Damals war es ein Universum für sich, ein Planet.

Fernand Braudel et al.: Die Welt des Mittelmeeres

An den »Planeten« muss ich abends wieder denken, als wir im Hotel La Petite Planète in Mykene absteigen, wo man auf der entzückenden Webseite u.a. mit dem Satz

Der Name des Hotels, „La petite planète“, stammt aus der Erzählung von Antoine de Saint Exupéry „Der kleine Prinz“, der die Schönheit der Liebe durch eine große Reise entdeckte. Wir wünschten, dass auch Ihnen dasselbe bei Ihren Reisen wiederfährt!

empfangen wird. Das tröstet denn doch ein wenig, nachdem –

Nein, halt. So weit sind wir noch lange nicht. Wir sind noch auf dem Schiff, das uns durch einen herrlichen, fast wolkenlosen und warmen Tag nach Piräus bringt.

Ganz unverhofft trifft Lis an der Theke Anna von der Nachbarinsel Iraklia. Anna und ihren Mann wollten wir eigentlich dieses Jahr endlich einmal wieder besuchen, es ist viele Jahre her, dass wir dort einige Male unsere Ferientage verbracht haben. Sie weiss von einem gemeinsamen Bekannten, dass wir ständig auf Naxos sind und benimmt sich fuchsteufelswild, weil wir immer noch nicht bei ihnen waren. Nun wird es wohl November sein, wenn wir uns – wieder mit einer Fähre – für ein paar Tage dort hin bringen lassen werden. Jetzt persönlich versprochen.

In Piräus sitzen wir im Auto, tief im Bauch der »Naxos« und müssen wir ca. 45 Minuten warten, bis wir von der Fähre kommen. Die Zeit fehlt uns jetzt zum Fahren. Es wird immer wolkiger und dusterer, je näher wir der Peloponnes kommen. Es ist, als ginge die Sonne bereits unter.

Tanken müssen wir. Und dann die Autobahn, mehrfach zahlen wir Maut bis zur Abfahrt nach Kleonai (über 5€!). Dort sehen wir das Schild zur Abfahrt zum Tempel des Herkules. Wir biegen ab aber ich bin aus unerfindlichen Gründen der Ansicht, dass es in Kleonai etwas Wichtigeres geben muss und kehr um. Das war dumm, denn der Ort selbst bietet nichts weiter.

Er war einmal sehr bedeutend; was ich zwar mal gelesen aber wieder vergessen hatte. Also erste Fehlanzeige. Wir steuern den nächsten Punkt an, den Antiken Steinbruch am nächsten Autobahnrastplatz.

Es wir schon dunkel, obgleich der Sonnenuntergang noch in weiter Ferne liegt. In der Raststätte auf dem Weg essen wir schnell Pommes mit Käsesosse und Schinkenstückchen, im Grunde ungeniessbar, aber es ist von den schlimmen Sachen auf der grossen Tafel das, was am ungefährlichsten aussieht.

Den antiken Steinbruch an der Autobahn finden wir dann leicht am angegebenen Rastplatz. Er lieferte das Material für Nemea, unseren nächsten Besuchspunkt. Eigentlich. Für Fotos ist es fast zu duster. Die nicht getrunkene Cola knallt Lis dort beim Aussteigen auf die Strasse und macht mich von oben bis unten klebrig.

So lassen wir Nemea zunächst wieder aus (das war schon 2011 der Fall – ebenfalls am Abend!), es ist bereits wieder zu dunkel und wir fahren nun etwas frustriert und enttäuscht direkt nach Mykene. Das Hotel aus dem Reiseführer, den ich vorgestern als eBook erworben habe, finden wir auf Anhieb.

Es ist der kleine Planet, ein gemütliches Plätzchen mit einem Schwimmbecken im Garten. All das versöhnt uns wieder mit der Welt. Morgen kommt Mykene dran, Nemea und der Herkulestempel – vielleicht übermorgen. Vielleicht.

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* Rund Europa 2017, Herbstrundreise Peloponnes

Mittwoch, 10.10.2017, 23:20:40 ::Galanado

Der heisse Sommer hat sich Anfang Oktober schlagartig verabschiedet und einem kühlen Herbst Platz gemacht. Daher starten wir morgen früh mit der Fähre nach Piräus und setzten unsere im Mai unterbrochene Peloponnes-Tour fort.

Wir werden ca. 14 Tage unterwegs sein, wenn das Wetter mitmacht.

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Politik und Bauchgefühl: Warum die Gewalt weiter zunehmen wird

Mittwoch, 19.07.2017, 12:44:30 :: Galanado

Ich habe vor einiger Zeit darauf hingewiesen und erklärt, warum ich zu politischen Themen nicht mehr schreiben mag. Grundsätzlich bleibt es wohl dabei, zu gering ist meine Reichweite und Lesergemeinde, als dass es einen anderen Sinn hätte, als den K(r)kopf zu leeren. Zuweilen läuft mir beim täglichen Studium der Medien aber doch was über den Weg, das weiter verbreitet gehört – weil es Grundsätzliches anders betrachtet als der Mainstream.

Wen meine Leseliste und Meinung zu Artikeln interessiert, mag das auf Facebook verfolgen; es kann dort auch Ernsthaftes verfolgt und diskutiert werden, was aber natürlich nur die wissen können, die dort Zutritt haben ;-).

Hier also der Link zum Original – verbunden mit dem Dank an den Autor und die Neulandrebellen – und in der Folge der Text hieraus. Er ist lang aber zuweilen sollte auch der Gehetzte zur Besinnung kommen…

***

von Camera Operator: SSGT MARIA J. LORENTE, USAF [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Bauchgefühl: Warum die Gewalt weiter zunehmen wird

Tom Wellbrock, 18. Juli 2017

Kommt es hierzulande zu Gewalt, wird diese als etwas beschrieben, das sich außerhalb des normalen Lebens, außerhalb der Gesellschaft befindet. Wer sich nicht lauthals und vehement distanziert, gilt als potentieller Täter, der geächtet wird. Doch Gewalt ist Bestandteil unseres Lebens. Tendenz: steigend.

Zuletzt war es der Gipfel der G20 in Hamburg, der eine scheinbar ausufernde Form der Gewalt zur Folge hatte. Die Täter, angeblich „Linksradikale“ seien weder an der Kritik am Gipfel interessiert, noch hätten sie eine demokratische Legitimation für ihre Taten. Sieht man einmal davon ab, dass diese Darstellung verkürzt und unvollständig ist, lohnt ein Blick auf die Gründe für die Gewalt. Auch in Hamburg gab es nicht „die Gewalt“ oder „die Gewalttäter“, sondern unterschiedliche Gruppen und Beweggründe.

Bilder ohne Aussagekraft

Zum einen gab es mehr Bilder massiver Gewalt, als diese tatsächlich stattgefunden hat. Befeuert durch die sozialen Medien und die Möglichkeit, Live-Streams in Echtzeit online zu stellen, entstand der Eindruck, die zügellose Gewalt hätte die gesamte Innenstadt Hamburgs heimgesucht. Dabei wurde zum anderen die friedliche, weit größere Demonstration weitgehend ausgeblendet, und zwar sowohl von den professionellen Medien als auch von den Privatleuten, die die Ausschreitungen filmten.

Ohne Zweifel gab es Gewalt, und ohne Zweifel hat diese an einigen Stellen Formen angenommen, die grenzenloser Zügellosigkeit glichen. Brandstiftung, zerstörte Fensterscheiben und geplünderte Geschäfte ließen die meisten Zuschauer fassungs- und ratlos zurück. Dennoch hat die Gewalt einen verhältnismäßig geringen Teil des Protestes ausgemacht, dabei jedoch die maximale Wirkung erzielt. Nicht erst seit dem G20-Gipfel in Hamburg ist deutlich geworden, dass Bilder friedlichen Widerstands wenig Interesse hervorrufen. Wenn wir uns an die fast ausnahmslos friedlichen Demonstrationen gegen TTIP 2016 erinnern, dann wissen wir, dass die Demo mit mehr als 200.000 Menschen gemessen an ihrer Bedeutung nicht viel mehr als eine Randnotiz in den Medien gewesen ist, die weit entfernt davon war, noch Tage oder sogar Wochen mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wäre es zu Ausschreitungen gekommen, hätte die Sache gänzlich anders ausgesehen. Doch die Bilder der TTIP-Demo konnten keine Wirkkraft entwickeln, weil ihnen der „Drive“ fehlte.

Gewalt bietet diesen „Drive“. Doch das allein macht nicht die Faszination an Bildern von Gewalt aus. Es ist zusätzlich die Tatsache, dass friedlicher Protest faktisch (fast) keine Wirkung entfaltet. Wir erinnern beispielsweise uns an Sigmar Gabriel, der zwar 2016 publikumswirksam vermeldet hatte, TTIP sei gescheitert, ja sogar „mausetot“. Doch das war im August, also noch vor der großen Demonstrationen, und es lag an Verhandlungsproblemen. Kurz nach den Demos übte Gabriel massiven Druck auf die SPD-Parteibasis aus, sich für das andere Freihandelsabkommen, Ceta, auszusprechen. Doch die Demonstrationen hatten sich zuvor auch dagegen gerichtet. Die Kundgebungen gegen die Freihandelsabkommen haben letztlich also nichts bewirkt, Angela Merkel ignorierte den Protest einen Monat später einfach . Und erst vor Kurzem konnte man nachlesen, dass TTIP für die SPD wieder ein Thema ist.

Friedlicher Protest ohne Gewalt ist doppelt uninteressant. Erstens weil die spektakulären Bilder fehlen, die inzwischen wichtiger geworden sind als die Gründe für Widerstand. Und zweitens, weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass eine noch so große Demonstration letztlich nicht auf die politischen Entscheidungsträger wirkt. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Betonung Angela Merkels darauf, dass Protest gegen den G20-Gipfel völlig in Ordnung sei, so lang es nicht zu Gewalt käme, bezeichnend. Denn die Botschaft dahinter lautet: Ihr könnt demonstrieren, Auswirkungen – welcher Art auch immer – darf das aber nicht haben.

Mit anderen Worten: Protest darf bunt und muss friedlich sein, er muss jedoch folgenlos bleiben. Dass dies in Hamburg nicht geglückt ist, liegt an unterschiedlichen Dingen, zum Beispiel am Austragungsort, der geradezu prädestiniert für die Entstehung von Gewalt war. Und an der Strategie der Polizei, die schon früh zur Eskalation beitrug.

Von wem auch immer und wann genau die Gewalt ausging und eskalierte, sie löste bundesweite Debatten darüber aus, wie mit Gewalttaten umzugehen sei und inwiefern politisch linkes Denken gesellschaftlich akzeptabel sei. Doch dieses Bild zerfällt schnell, wenn man etwas genauer hinsieht.

„Linke Gewalt“ als Exot der Gesellschaft

Geht man vernünftig an die Problematik heran, ist die Unterstellung, es habe in Hamburg vornehmlich „linke“ Gewalt gegeben, kaum haltbar. Denn niemand kann etwas über die Motivation eines schwarz gekleideten und vermummten Menschen sagen, der Steine wirft oder Auto ansteckt. Das mag in den 1970er Jahren noch einfacher gewesen sein. Wer damals auf eine Demo ging und sich für den schwarzen Block entschied, der war in der Regel politisch linksradikal eingestellt und der Meinung, dass friedliche Chorgesänge und Fahnen mit Friedenstauben nicht ausreichend waren, um bedeutsamen Widerstand zu leisten. Heute ist das schwieriger, was auch (aber nicht nur) an der Macht der Bilder liegt. Wo immer es die Aussicht auf Krawalle gibt, tauchen auch Interessierte auf, die sich keine Gedanken über die Gründe von Zusammentreffen machen. Sie nutzen vielmehr die Gunst der Stunde, um – geschützt durch die Masse oder unübersichtliche Situationen – Gewalt auszuüben. Eine politische Motivation fehlt. Der Gedanke an ein breites Publikum und die Chance, ins Fernsehen zu kommen oder auf Facebook geteilt zu werden, stachelt dagegen gewaltbereite Menschen an.

In Anbetracht der Tatsache, dass nach Hamburg Menschen aus ganz Europa angereist sind, ist es noch schwieriger, die Beweggründe der Gewalttäter auszumachen. Und es ist viel zu kurz gedacht und folgt einem Plan, die Gewalt ausschließlich der Linken (als politische Bewegung oder Partei) anzukreiden. Denn erstens muss sich die Politik so nicht den eigenen Fehlern stellen, die es zweifelsohne gibt. Zweitens verlagert sie die Diskussion auf einen oberflächlichen Nebenkriegsschauplatz, der zudem dazu geeignet ist, linkes Denken zu diskreditieren. Und drittens spielen seit den Ausschreitungen inhaltliche Dinge schon längst keine Rolle mehr.

Die Diskreditierung der Linken dient übrigens nicht nur dazu, sie bei der kommenden Bundestagswahl zu schwächen (was nach den derzeitigen Entwicklungen durchaus funktionieren könnte). Es geht noch weiter, denn da die Gewalt reduziert wird auf linkes Denken, wird eben dieses Denken als exotisch ausgemacht, als etwas, womit „die Gesellschaft“ nichts zu tun hat. Das Linke wird somit zu einem Fremdkörper, der sich außerhalb der Gesellschaft befindet, der letztlich geduldet wird, aber keine politische Berechtigung hat. Linkes Denken wird gewissermaßen aus dem gesellschaftlichen Denken eliminiert, mindestens aber der Versuch, dies zu tun, wird unternommen.

Mit der Gewalt wird übrigens ähnlich verfahren, was die gedachte, aber so nicht formulierte Strategie dahinter umso deutlicher macht:

Wir, die freie und demokratische Gesellschaft, haben weder mit der Linken oder linken Gedanken, noch etwas mit der Gewalt zu tun!

Doch beides – wenn auch nicht in dem kläglich lächerlichen Versuch, es in dieselbe Schublade zu stecken – gehört zum gesellschaftlichen Leben dazu. Die radikale Kategorisierung von linker Gewalt ist nicht weniger als der Versuch, das bestehende System einmal mehr als „alternativlos“ zu heroisieren und zügellose Gewalt mit linkem Denken gleichzusetzen. Eine absurde, aber funktionierende Methode.

Man kann darüber streiten, ob der Austragungsort Hamburg bewusst gewählt wurde, um Gewalt zu begünstigen. Man kann auch darüber sprechen, ob die polizeiliche Eskalation schon dem Zweck diente, einige Tage später über die Rolle der Linken insgesamt zu streiten. Man kann genauso darüber uneins sein, ob es in Hamburg staatliche Provokateure gab, die die Stimmung anheizen sollten.
Fakt ist jedoch, dass außer der Positionierung der Linken heute nicht mehr viel übrig ist vom G20-Gipfel in Hamburg. Die Linke wird zur Verantwortung gezogen für eine komplett missratene Gipfelplanung seitens der Bundesregierung. Und ein weiterer Punkt ist wichtig.

Kapitulation vor der Gewalt?

Die Frage wurde emotional geführt, das Ergebnis läuft immer auf eines hinaus: Es wird auch in Zukunft Veranstaltungen wie G20 geben, die in Städten wie Hamburg durchgeführt werden. Also selbst dann, wenn bekannt ist, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach zu Gewalt kommen wird. Die immer wieder geäußerte Begründung: Hätte man aufgrund zu erwartender Gewalt den Austragungsort geändert, wäre das eine Kapitulation vor den Gewalttätern gewesen.

Das ist eine zutiefst aggressive und eskalierende Haltung. Sie lässt nicht etwa Besonnenheit bei der Wahl des Austragungsortes walten, sondern unterstützt Gewaltbereitschaft nach dem Motto: „Kommt doch her, Ihr werdet schon sehen, was Ihr davon habt!“ Zu Ende gedacht ist die Behauptung, man werde nicht vor Gewalttätern kapitulieren, erstens eine vorweggenommene Eskalation. Und zweitens die die offene Einladung an Gewalttäter jeglicher Couleur, zur nächsten Demo zu kommen.

Im Übrigen ist das Argument, man werde sich nicht vor Gewalttätern beugen, ein sehr kleiner Ausschnitt der Lebenswirklichkeit. Denn in Hamburg ging es nicht nur darum, mit einer überschaubaren Zahl von Gewalttätern zurechtzukommen. Es ging auch um den Rest der Bevölkerung, die – Privatleute wie Geschäftstreibende – unter dem Gipfel leiden mussten. Eine 82-jährige Frau erzählte, sie habe am Samstag des Gipfels Bilder des Zweiten Weltkrieges vor ihrem geistigen Auge gesehen. Sie sah, wie ihre Mutter sie an die Hand nahm, ein kleines, verängstigtes Mädchen und versuchte, den nächsten Bunker und somit das Überleben zu erreichen. Was in Hamburg geschah, weckte bei der Frau Erinnerungen, die sehr schmerzhaft waren. Wer verantwortungsvoll handelt, denkt nicht nur daran, ob und wie er mit Gewalttätern klarkommt, die er selbst anlockt. Er macht sich Gedanken darüber, wie die Bürger einer Stadt geschützt werden können.

Es geht also nicht um Kapitulation, sondern um die Fürsorgepflicht gegenüber gefährdeter Bürger. Doch genau diese war in Hamburg nicht zu sehen. Im Vordergrund standen a) die Gipfelteilnehmer und b) die Gewalttäter und c) die restlichen Demonstranten. Für den großen Rest reichten die geistigen und physischen Kapazitäten nicht aus.

Gewalt entsteht im Herzen

Wir sind weit entfernt von einem großen Aufstand oder gar einer Revolution. Doch es knackt im Gebälk. Die Ungleichheit im Land nimmt zu, während die Einflussmöglichkeiten der Bürger stetig abgebaut werden. Vielen Menschen wird die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe nach und nach entzogen, wirtschaftliche Probleme der Betroffenen führen zum Gefühl des Ausgeschlossenseins. Auf der anderen Seite verdienen Spitzenmanager immer mehr, werden Privatisierungsmaßnahmen ebenso an den Menschen vorbei beschlossen wie die kontinuierliche Erhöhung der Rüstungsausgaben. Auch die Wirkungslosigkeit einer Demo wie die gegen TTIP und die Machtlosigkeit gegen Hamburg als Austragungsort für den G20-Gipfel tragen zur wachsenden Unzufriedenheit der Menschen bei.

Politische Entscheidungen werden ohne Mitwirkung der Bürger oder auch nur deren Anhörung gefällt, während der flächendeckende Wohlstand längst Geschichte oder ein Märchen ist. Und selbst zu Zeiten vor der Bundestagswahl kann kein Gefühl für eine Veränderung entstehen. Ein Martin Schulz ist auch deswegen so erfolglos, weil er lediglich das Bestehende an einigen Stellschrauben ein wenig modifizieren will. Nicht einmal die Agenda 2010 steht für ihn zur Diskussion, an ernsthafte politische Veränderungen gar nicht zu denken. Das führt nur wenige Menschen zu den Ideen der SPD, die abgestanden wirken, lustlos und wirkungslos.

Die Menschen erleben seit Jahren, wie Grundrechte beschnitten, seit Wochen, wie Staatstrojaner eingesetzt werden und das Fernmeldegeheimnis abgeschafft wird. Sie erleben die Abschaffung des Bankgeheimnisses und stellen gleichzeitig fest, dass ihr Kühlschrank immer leerer wird. Selbst vor der Bundestagswahl werden von der Politik keine grundlegenden Fragen mehr gestellt oder gar grundsätzliche Forderungen formuliert, das gilt also längst nicht nur für die SPD. Aus dem Bauch heraus entsteht zunächst einmal innerer Widerstand, der sich in einer abwehrenden Haltung gegenüber staatlicher Autorität äußert. Das Vertrauen ist dahin, und das ist kein Wunder. Aus dieser inneren „Kündigung“ gegenüber dem Staat heraus folgt nicht selten der nächste Schritt: Praktischer Widerstand in Form von Demonstrationen. Bis zur Gewalt ist es dann nicht mehr weit, selbst wenn es nur eine kleine Gruppe ist, die tatsächlich zu diesem Mittel greift.

Gewalt als logische Konsequenz

Der Reflex, Gewalt wortgewaltig zu verurteilen, liegt nahe, deckt aber nicht das ganze Thema ab. Wenn die Unzufriedenheit von Menschen wächst, wächst mit ihr die Bereitschaft, Gewalt auszuüben. Wir leben in einer Welt, in der davon ausgegangen wird, dass die demokratischen Strukturen, die Menschenrechte, die Chancengleichheit und materieller Wohlstand nicht die Voraussetzungen für Gewalt bieten. Doch diese Fassade hat schon länger Risse, die demokratischen Strukturen werden in immer mehr Lebensbereichen aufgeweicht, die Menschenrechte laufen immer stärker darauf hinaus, für Menschen zu gelten, die sie sich leisten können. Von Chancengleichheit kann schon lange nicht mehr die Rede sein, nur wer in entsprechende Familien hineingeboren wird, hat Chancen, sich nach oben zu arbeiten, und selbst wenn Talent und Wille fehlen, wird ein wenig nachgeholfen. Und der materielle Wohlstand geht an immer mehr Menschen vorbei, sie können sich am Ende des Monats selbst das Notwendigste nicht mehr leisten, von Dingen, die den Begriff „Wohlstand“ rechtfertigen würden, ganz zu schweigen.

In einer solche Atmosphäre wachsen Unzufriedenheit, Frust, Depressionen und eben auch Wut – die Wut im Bauch. Kaum jemand ist in der Lage, alle Zusammenhänge zu durchschauen, mal sind die Methoden leichter zu erkennen, mal fällt es schwerer, das Prinzip der herbeigeführten Zerfalls zu verstehen. Aber „aus dem Bauch heraus“ wird vermehrt wahrgenommen, dass es ganz und gar nicht stimmt mit dieser Gesellschaft, die Armut verstärkt und die Demokratie schwächt.

Aktuelles Beispiel ist eine Wahlkampfforderung von Martin Schulz (gesehen am 17. Juli 2017). Auf Facebook verkündete Schulz (SPD), er fordere, dass man die Verlängerung des Personalausweises auch online beantragen können müsse. In anderen Ländern gehe das schließlich auch. Angesichts der drängenden Probleme der Menschen, die im September zur Wahl gehen, ist Schulz‘ Forderung im Grunde eine Provokation. Die Idee mag ja nicht schlecht sein, als Bestandteil des Bundestagswahlkampfes wirkt sie allerdings nicht nur deplatziert, sondern regelrecht peinlich. Es ist unwahrscheinlich, dass die SPD aufgrund dieser belanglosen Forderung auch nur eine Stimme mehr bekommen wird. Wahrscheinlicher erscheint es, dass Schulz damit mehr Menschen verärgert als für sich gewonnen hat. Es wirkt, als suche Schulz „mit Gewalt“ Themen, die noch nicht besetzt sind, gleichzeitig aber nichts oder fast nichts kosten und das neoliberale Prinzip, dem er verfallen ist, nicht gefährden.

Die Gewalt wird zunehmen in dem Maße, wie die Unzufriedenheit, die Ungleichheit und die Ungerechtigkeit zunehmen. Die Politik bemerkt das offenbar nicht, sie versucht, Gewalttäter als Ausnahmeerscheinungen darzustellen, die mit der täglichen Wirklichkeit nichts zu tun haben. Doch alleine Hamburg und der G20 haben gezeigt, dass es längst nicht mehr nur die „üblichen Verdächtigen“ sind, die gewaltbereit sind bzw. aktiv Gewalt ausüben. In Hamburg war es nicht eine radikalisierte Gruppe linker Autonomer, die Gewalt ausgeübt haben (auch wenn es sie gab). Es waren sehr unterschiedliche Menschen, die ganz verschiedene Beweggründe hatten, gewalttätig zu werden. Eine genauere Analyse würde sicher Interessantes zutage fördern.

Gewalt jedenfalls ist kein Zeichen von Zufriedenheit, sondern ein Alarmsignal, das aufmerksam machen sollte. Hinzu kommt, dass die deutsche Politik selbst alles andere als ein friedvolles Vorbild bietet. Das Forcieren von undifferenzierten Feindbildern wie Trump oder Putin, massive Waffenexporte in diktatorische Länder, die Beteiligung an Kriegseinsätzen, Privatisierungsmaßnahmen, Überwachungen, Hartz-IV-Sanktionen – all das sind keine Belege einer friedlichen Gesinnung. Und alle das trägt nicht dazu bei, dass die Bevölkerung zufriedener wird, wenn sie sieht, wie viel Geld für den Krieg und die Menschen schädigende Maßnahmen vorhanden ist, ihr aber an allen möglichen Ecken und Enden fehlt.

Übrigens: Die gebetsmühlenartig wiederholte Botschaft, wie gut es uns allen gehe, ist kein geeignetes Mittel gegen die Eskalation von Gewalt, sondern das glatte Gegenteil. Es mag Dinge geben, die die Menschen irgendwann glauben, so lange man sie oft genug wiederholt. Aber wirtschaftliche Not von Menschen lässt sich nicht schönreden. Und wer es dennoch versucht, macht sich der Mitverantwortung des Entstehens der Gewalt schuldig.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Links:

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Rückblick aus gegebenem Anlass

Dienstag, 18.07.2017, 18:43:05 :: Galanado

Die letzten Tage waren heftig heiss, teilweise über 37°C in der Wohnung. Sowohl körperlich als auch geistig Anspannung scheiterten. Deshalb ging’s auch nicht voran mit den Berichten von der Peloponnestour im Mai.

Heute fand ich diesen interessanten Artikel über Korinth, den ich Euch zwischenzeitlich als vollwertigen Ersatz anbieten kann.

Und natürlich auch einen eigen Beitrag vom 11. Juni 2011

der u.a. auch nach Korinth führte. Viel Spass einstweilen. Ich bin dran!

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Phantasma 2017: Vernissage im Pirgos Bazeou bei Halki

Samstag, 10.06.2017, 19:34:18 :: Galanado

Pünktlich zur Eröffnung der documenta in Kassel hier der Beitrag aus Naxos. Die Ausstellungseröffnung fand allerdings schon am 3. Juni statt; wir sind eben etwas schneller…

Betrüblich nur, dass die Webseite des Festivals mit flash gemacht ist.

Hier aber eine Bildergalerie von der Eröffnung:

Wie immer: Auf’s Bild klicken…

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* Rund Europa 2017, 6. Tag: Tyros (Ruhetag)

Dienstag, 16.05.2017, 21:11:49 :: Tyros, Hotel Apollon
Mittwoch, 16.08.2017, 20:41:58 :: Galadado

Es sieht nach Regen aus heute Morgen – ein paar Tropfen fallen auch tatsächlich nach erfrischendem Bade beim Frühstück; aber es ist so schön ruhig hier – wir bleiben einen Tag länger und lassen alles baumeln.

Lis geht bummeln und fördert die eine oder andere Information zutage:

– Es gibt ein kleines Amphitheater, das den Namen von Melina Mercouri trägt

– Wir sind hier in der Kynuria, der zweisprachigen Landschaft am Argolischen Golf. Und so sind einige Schilder zweisprachig: Neben dem »normalen« Griechisch wird hier der tsakonische Dialekt gesprochen, der sich aus dem Dorischen erhalten hat.

– Die Kirche hat einen eigenwilligen freistehenden Glockenturm.

– Es gibt eine geöffnete Taverne, die auch als Eis-Café durchgeht.

Reisen bildet eben…

Tsakonisch (griechisch Τσακωνική διάλεκτος Tsakoniki dialektos) ist ein griechischer Dialekt, der noch in wenigen Dörfern der Regionen Lakonien und Arkadien auf der Peloponnes aktiv gesprochen wird. Tsakonisch ist der einzige noch heute gesprochene griechische Dialekt, der sich nicht aus der hellenistischen Gemeinsprache (Koine), sondern aus dem antiken dorischen Dialekt entwickelt hat.

Wiederentdeckt wurde das Tsakonische durch den französischen Gelehrten Jean-Baptiste Gaspard d’Ansse de Villoison auf dessen Griechenlandreise (1784–1786).

Erstmals gründlich erforscht wurde es durch den Deutschen Michael Deffner, der 1881 eine Zakonische Grammatik herausgab, und durch den Kreter Georgios N. Chatzidakis.

Wikipedia (dort auch eine ethnografische Karte)

Ich sitze derweil an meinen Bildern und am Schreiben des Tagebuchs und der offenen Blockbeiträge.

Irgendwann ist mir dann nach einem Eis auf Waffel. Der Wunsch erwächst meinen Gedanken an das Waffelhouse in Naxos, dem Platz mit dem besten Eis – nach dem in Gubbio. Beim Schreiben jetzt stelle ich fest, dass der Beitrag über dieses Über-Eis vom Mittwoch, dem 19.06.2013 noch gar nicht geschrieben ist. Also das war, als wir von Pesaro – nein, das führt jetzt weit, ich werde doch lieber den Beitrag schreiben.

Wo war ich? Ja, der Wunsch nach einem Eis. Wir also in das von Lis entdeckte Eiscafé. Ich bestelle voller Vorfreude eine Waffel mit vier Kugel und Sahne. Freudestrahlend verschwindet die Bedienung und werkelt drinnen.

Dass meine Bestellung objektiv ein Fehler war, erkenne ich sofort, als der Teller vor mich hin gestellt wird.

Aber ich kämpfe mich durch. Das Abendessen hätten wir damit auch erledigt.

Ansonsten…

…kocht uns die sympathisch mürrische aber stets freundliche Hotelbesitzerin gerne einen Griechischen Kaffee, zu dem sie uns immer wieder einlädt. Die Fischer haben wohl keine Lust zu fischen.Wir freuen uns über jedes Auto das kommt oder startet und natürlich darüber, dass es ausser uns auch noch andere Besucher gibt. Aber nicht mehr als drei oder vier…

Aber da ist der Tag auch schon vergangen – einfach so…

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* Rund Europa 2017, 5. Tag: Paralia Irion – Tyros (1)

Montag, 15.05.2017, 19:00:28 :: Tyros, Hotel Apollon
Donnerstag, 27.07.2017, 21:43:02 :: Galanado
Samstag, 05.08.2017, 19:07:41 :: Galanado, es ist heiss…

Sie haben derzeit nur am Wochenende geöffnet – wir hätten es auch noch einen Tag länger ausgehalten. Also satteln wir das Senfle, denn zu sehen gibt es heute einiges:

Ausserdem einen kurzen Halt in Astros. Das ist zunächst mal das Tagespensum; ziemlich viel. Jedenfalls, soweit es vorgeplant ist. Mal sehen, wie weit wir kommen.

Nafplio

Die ehemalige und für kurze Zeit und (nach Ägina) zweite Hauptstadt des modernen Griechenlands, Nafplio, erreichen wir recht schnell: Viel Schnellstrasse…

Das schöne Paralia Irion ist offensichtlich eines der Naherholungsgebiete der beiden grösseren Städte Nafplio und Argos. Es geht vorbei an Asine – heute Asini; den nahegelegenen Touristenort Tolo lassen wir ebenfalls und buchstäblich links liegen. Natürlich gäbe es gerade von Asine und Tolo einiges zu berichten; schon Homer wusste davon – vielleicht ein andermal.

Und dann sind wir auch schon mitten im Speckgürtel von Nafplio, links oben die Palamidi-Festung, welche die gesamte Kuppe und mehr einnimmt.

Die Stadt hat eine sehr wechselvolle Geschichte, die nachzulesen sich lohnt: Ägypter, Griechen, Venezianer und Osmanen, sich mehrfach ablösend, wieder Griechen und ein deutscher König, Otto I, ein glückloser Bayer. Wenn man die Vorgeschichte seiner Inthronisierung nachliest, dann wird einem klar, warum Griechenland nie ein selbstständiges Land werden konnte: Die grossen Mächte England, Frankreich und Russland waren stets die Bestimmter (bis die USA nach dem 2. Weltkrieg Englands Stelle einnahmen…).

Wikipedia: Einzug König Ottos in Nauplia, Peter von Hess, 1835

Aber bleiben wir noch bei dem Bayernkönig: Es war ein 16-jähriger Lausejunge, den die europäischen Fürstenhäuser da runter schickten, sein Vater musste die Königswürde für ihn entgegen nehmen. Mehr hatten die europäischen Fürsten für Griechenland wohl nicht im Regal. Was blieb? Es ist mehr als lehrreich, über die Zeit von Otto I nachzulesen. Schloss (heute Parlament) und FIX, das Bier… Alles andere machte i.W. England von aussen.

Nun, wir schauen uns wieder ein wenig um, Stellen, die wir noch nicht gesehen haben. Man bräuchte Tage: Drei Festungen, ein Museum, eine Moschee (Tagungsort des ersten griechischen Parlaments), um nur die zu nennen.

2007 und im Juni 2011 haben wir hier Station gemacht; die Dokumentation von 2007 ist schmalbrüstig.

Die venezianischen Kanonen am Fusse der jüngsten venezianischen Palamidi-Festung ziert der Markus-Löwe

Die Bourtzi-Festung auf einer kleinen Insel in der Bucht schützte die Hafeneinfahrt, war Festung, Gefängnis und Wohnung des Henkers, der hier die Drecksarbeit für die Herrschaften in der Festung erledigte. Von 1930 bis 1970 war es gar Hotel. Schaurig.

Tiryns

Die Akropolis von Tiryns könnte man übersehen, wenn man nur auf die Karte schaut: Direkt südöstlich Nafplio, nordöstlich Argos mit seinem weithin sichtbaren Festungsberg. Aber diesmal habe wir Tiryns als Ziel auf dem Schirm.

Die Stadt erstreckte sich auf einem bis zu 30 Meter hohen Kalkfelsen, der rund 300 Meter lang und 40–100 Meter breit ist. Ursprünglich verlief die Küste näher an diesem Hügel vorbei. Der Ort war ab dem Neolithikum (Jungsteinzeit) besiedelt. Vom dritten Jahrtausend v. Chr. an gehörte Tiryns zu den wichtigsten Zentren des bronzezeitlichen Europas.

Wikipedia

Heinrich Schliemann, der Troja-Ausgräber hat auch hier als erster gebuddelt. Und nicht zu Unrecht, wie man heute weiss und wie wir nach kurzer Anfahrt sehen werden.

Es sind Zyklopenmauern, an denen wir hinauf zur Akropolis laufen, noch ist es erträglich, auch sind wir mal wieder die ersten, die französische Gruppe wird uns aber bald überholen und im Wege stehen…

Hier ein Blick nach Süden auf den Argolischen Golf.

Ich lasse es jetzt mal gut sein mit Bildern…

Das Grab

Im Bereich h von Tiryns liegen natürlich weitere besichtigenswerte Orte. Einer ist ohne Frage das Tholos-Grab am Fusse des westlichen Fuß des Profitis Ilias-Hügels.

Man findet es am Ende eines Kieswegs in die Orangenplantagen. Da parkt schon ein Wagen eines französischen Paares, aber das Senfle passt noch hin. Nur ein dritter darf jetzt nicht kommen…

Der Damm von Kofini

Wesentlich weniger spektakulär fürs Auge, dafür aber ingenieurmässig umso interessanter ist der Damm von Tiryns. Ich zitiere einfach Wikipedia:

Bis Anfang des 12. Jahrhunderts v. Chr. floss der Lakissa, von Osten kommend, nördlich am Profitis Ilias Hügel und etwa 1 km weiter westlich südlich an der Burg von Tiryns vorbei. Eine Schlammlawine, die möglicherweise durch ein Erdbeben ausgelöst wurde, verschüttete die Siedlung um 1190/80 v. Chr. (am Ende des Späthelladikums III B2), die südlich außerhalb der Burg lag. Durch die Schlammablagerung änderte sich der Lauf des Flusses, der nun nördlich an Tiryns vorbei floss.

Vermutlich um eine weitere Katastrophe zu verhindern, leitete man den Lakissa kurze Zeit später (im Späthelladikum III C früh) um. Hierfür grub man kurz hinter der Mündung von zwei Bächen in den Lakissa einen 1,5 km langen Kanal vom alten Flussbett in südwestliche Richtung. Hier traf der Kanal auf das Flussbett des Manessi. Dieser floss zunächst südlich am Profitis Ilias-Hügel und dann nördlich am Agia Kyriaki-Hügel vorbei und mündete etwa 1,5 km südlich von Tiryns in den Argolischen Golf. Das alte Flussbett verschloss man mit einem etwa 10 m hohen und 300 m langen Damm.

Wikipedia

(Fortsetzung folgt.

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