Montag, 29.08.2016 :: Chmelnitsyi, Hotel Eneïda
Mittwoch, 07.09.2016, 14:13:42 :: Hotel Eneïda
Donnerstag, 08.09.2016, 23:08:45 :: Hotel Eneïda
Es war zweifellos Glück im Unglück, dass wir gestern Abend entschieden hatten, noch einen Tag länger zu bleiben: Unser Freund hing mit einer Art Sommergrippe herum, die er sich wohl bei seinem Töchterchen eingefangen hatte, ein Wiedersehen und Zusammensitzen war so irgendwie sehr kurz und ein bisschen quälend.
Das Hotel ist dasselbe wie all die Jahre, die wir seit 2006 hierher kommen. Die Räume grosszügig, ein 2-teiliges Appartement mit allem Schnickschnack – nur mittlerweile ohne Frühstück; hat sich wohl nicht gelohnt… Ja, und das ganze für 22 € pro Nacht zu zweit. Frühstück gibt’s ab 9 Uhr früh direkt vor dem Eingang im Café Lemon – zwei grosse Omelett und vier Cappuccino für knapp 5€. Ja, überhaupt: Die Preise sind hier generell für Westler nichts, worüber man sich Gedanken machen müsste. Das gilt in gleicher Weise auch für wirklich edle, gemütliche Lokale mit hervorragender Küche.
Abends treffen wir uns dann in einem dieser Lokale, im »Restaurant Spiegel«, ein Muss für jeden Besucher. Es verspritzt den Charme der k.u.k.-Zeit inklusive passender Musik, kombiniert mit hervorragenden Speisen zu den erwähnten Preisen. Das Haus macht einen fast unwirklichen Eindruck auf mich; es soll über hundert Jahre alt sein, stammt also gewiss nicht aus der Epoche der »sozialistischen Backsteinromanik«.
Soweit ist also alles bestens, als wir zu Bett gehen, auch die Klimaanlage hat für die angenehmen 21°C gesorgt.
Bis…
…ich irgendwann in der Nacht mit irren Schmerzen im rechten Bein aufwache. Ums kurz zu machen: Ein Erysipel, eine Wundrose, wie schon im Sommer 2000, dieselbe Stelle.
Im Laufe des Tages kommt auch das Fieber samt allgemeiner Gliederschmerzen. Das bedeutet, dass ich einen Arzt brauche.

Abends führt und Viktor dann in die Notaufnahme des Hospitals und findet Ärzte, die konstatieren, was ich wusste: Erysipel, Antibiotika, Schmerzmittel, Antihistaminikum. Das besorgen wir auch gleich; Apotheken haben eigentlich immer offen, die Medikamente bekommt man auf Zuruf zu einem Spottpreis. Ich habe aber immerhin ein »Rezept«.
Die Konsultation, ja selbst eine Behandlung mit UV-Licht, deren Sinn sich uns zwar nicht erschliesst, der ich mich aber zweimal unterziehe, sind kostenlos – auch für Ausländer.
Und so liege ich im Wesentlichen mehrere Tage im Bett, Beine hoch, Fieberthermometer im Mundwinkel, schlucke brav mein Antibiotikum und warte.
In den letzten Tagen änderte sich das Schmerzverhalten völlig: Nach nur wenigen Schritten wich die Höllenqual einem schmerzfreien Zustand, so dass wir morgens zum Frühstück und abends zum Abendessen durch den Park spazieren konnten.
Wären die Schmerzen nicht…
…wären diese Tage ein wunderschöner Aufenthalt. Der Park, die Cafés und Restaurants, das Leben vor dem Hotel – es ist schön hier.
Ja, und am 1. September fängt natürlich der Schulbetrieb an. Das gibt auch für die private Universität, die sich direkt vor und neben dem Hotel befindet.
Mit Riesenpomp, Hand-aufs-Herz und Nationalhymne, Kranzniederlegung für die Kämpfer für Weiss-ich-nicht-was findet die Einschreibung statt. Es hat schon ein sehr nationalistisches Gepräge, das Ganze…
Chmelnytskyi
Die Stadt lädt natürlich auch zum Studium ein, wenn man ans Zimmer oder gar ans Bett gefesselt ist.
So finde ich unseren schwäbischen Pfarrer und SchriftstellerAlbrecht Goesmit einer Erzählung Unruhige Nacht, die sogar verfilmt wurde und die zum grossen Teil hier in – damals noch – Proskurow spielt.
Und da ist noch Alexander Iwanowitsch Kuprin, dessen Roman Das Duell hier spielt.
Von den realen Gräueln sowohl in sowjetischer aber vor allem der Zeit der deutschen Besatzung will ich hier gar nicht anfangen – um 1900 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung knapp 50%…
Die Ukraine lag und liegt immer zwischen den Interessengebieten Westeuropas und Russlands, ein Thema das uns so manchen Abend in vielerlei Hinsicht beschäftigt. Der Krieg im Osten ist zwar weit weg, im Bewusstsein aller hier spielt er doch eine Rolle; »technical war«, wie ihn Viktor nennt.
Das tägliche Leben…
…wie es morgens beim Frühstück an uns vorbei hastet, das Leben im Park, wo vor allem Mütter und Grossmütter ihren Kindern beziehungsweise Enkeln Unterhaltung auf Schaukeln, Hüpfburgen und in kleinem Elektroautos bieten – alles schaut so normal aus.

Nur die ungewöhnliche Ansammlung von SUVs fast jeder Marke vor den netten Cafés und ihrer meist völlig verfetteten Besitzer, die dort grossurig verkehren, sie zeugen von den scharfen Gegensätzen, die man so nur erfährt, wenn man mehrere Tage blibtb und schaut.
Ich werde diesen Beitrag noch reichlich mit Bilder versehen, sitze aber schon wieder viel zu lange, statt zu liegen…
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