„Wir wollen einen wirklichen Staat aufbauen“

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Maia Sandu: „Wir wollen einen wirklichen Staat aufbauen“

Foto: gov.md

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Von: admin 19. Juli 2019

Anfang Juni stürzte das Regime des moldauischen Oligarchen Vlad Plahotniuc. An die Macht kam ein Zweckbündnis politischer Gegner, das den Staat reformieren will: eine Koalition der prorussischen Sozialisten (PSRM) des Staatspräsidenten Igor Dodon und des proeuropäischen Mitte-Rechts-Parteienbündnisses ACUM. Premierministerin wurde die Ökonomin und ACUM-Ko-Vorsitzende Maia Sandu, die sich in den vergangenen Jahren bei Anti-Korruptionsprotesten einen Namen machte und als absolut unbestechlich und integer gilt. Im Gespräch erläutert sie ihre Reformpolitik.

Frau Ministerpräsidentin, wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Danke, gut.

Sie haben zusammen mit Ihrem Kollegen, dem heutigen Innenminister Andrei Năstase, vor der Parlamentswahl Ende Februar öffentlich gemacht, dass Sie beide gesundheitliche Probleme wegen stark erhöhter Quecksilber-Werte im Körper hatten und vermutlich vergiftet worden seien.

Ja, wir haben uns letztes Jahr ab einem bestimmten Moment nicht wohlgefühlt und Analysen haben dann ergeben, dass Andrei Năstase und ich diese erhöhten Quecksilberwerte im Körper hatten. Wir haben daraufhin eine Behandlung begonnen, die nur wenig geholfen hat. Wir wollten die Sache öffentlich machen, um uns zu schützen. Es ist schwer zu beweisen, wer dafür verantwortlich war. Aber wir dachten, wenn wir damit an die Öffentlichkeit gehen, könnte es uns vor der Willkür des Plahotniuc-Regimes schützen.

Sie haben keinen Verdacht, wo und wann sie vergiftet worden sein könnten und wer dafür verantwortlich gewesen sein könnte?

Nein.

Sprechen wir über den Machtwechsel in der Moldau-Republik. Sie sind ein Bündnis mit den Sozialisten eingegangen. Ist das eine „monströse Koalition“?

Auch für uns war diese Koalition eine Überraschung. Nach der Parlamentswahl im Februar haben wir sehr lange überlegt, was zu tun sei, vor allem, weil die Wahl weder frei noch korrekt war und das Ergebnis, was wir erzielt haben, auch nicht die reale Unterstützung für uns widerspiegelte. Die meisten Leute haben sich sehr gewünscht, endlich das Plahotniuc-Regime loszuwerden. Die einzige Möglichkeit für uns war deshalb, dass wir zusammen mit den Sozialisten eine Regierung bilden, obwohl wir sehr verschiedene politische Richtungen verfolgen. Wir, also ACUM, sind eine proeuropäische Kraft, die Sozialisten treten für ein engeres Verhältnis zum Kreml ein. Wir haben aber betont, dass unsere prinzipielle Agenda die De-Oligarchisierung sein muss. Darüber hinaus ging es, als im Parlament über die Regierung abgestimmt wurde, noch um mehr, nämlich um die Umsetzung des EU-Assoziierungsabkommens. Auch die Sozialisten haben dafür gestimmt. Das ist die Richtung unserer Regierung.

Sie haben bereits einige Male betont, die Initiative für die Regierung sei aus Moldau selbst gekommen, nicht äußere Faktoren und Kräfte seien verantwortlich gewesen für den Machtwechsel. Aber es hat doch mindestens einen Impuls, wenn nicht sogar eine Initiative aus Russland gegeben, den die USA und die EU unterstützt haben.

Ich kann nur für unser Parteienbündnis sprechen. Wir haben unsere Entscheidung selbst getroffen. Natürlich, wir haben uns vorher auch bei europäischen Institutionen erkundigt, was sie sagen würden, wenn wir eine Koalition mit den Sozialisten eingehen würden, und die Antwort war positiv. Sie lautete, auch öffentlich, die Unterstützung der EU hänge nicht davon ab, welche Partei regiere, sondern welche konkreten Aktionen und Reformen eine Regierung und ein Parlament unternehme. Und wenn diese Entscheidungen im Sinne der Konsolidierung des Staates, der Reformen und der Umsetzung des Assoziierungsabkommens seien, dann würden sie unterstützt werden. Im Block ACUM haben wir drei Monate lang diskutiert und haben dann unsere Entscheidung getroffen. Was bei den Sozialisten diskutiert wurde, was sie in Moskau diskutiert haben, weiß ich nicht. Aber wir haben ja einige öffentliche Botschaften aus Moskau gehört, die die Sozialisten ausdrücklich nicht ermutigten, ein Bündnis mit Plahotniuc einzugehen.

Wie lange wird die Koalition halten? Wird es vorgezogene Wahlen geben?

Das Risiko existiert immer. Wir hoffen, dass wir den Prozess der De-Oligarchisierung zuende bringen können, dass wir unabhängige Leute in die Institutionen des Staates bringen können. Wir möchten das bis zu einem Punkt bringen, an dem der Prozess irreversibel wird. Das wollen auch die Menschen im Land. Es wäre gut, wenn die Sozialisten dabei bis zum Ende Partner sein würden.

Wie kann ACUM dauerhaft mit den Sozialisten kooperieren, wenn man bedenkt, dass die Partei zuvor lange Zeit mit dem Regime Plahotniucs mehr oder weniger zusammengearbeitet hat?

Wir waren in der Vergangenheit als Parteien Gegner. Zudem hatte ich in der Präsidentschaftswahl den heutigen Staatspräsidenten Igor Dodon 2016 auch als Gegner. Es gab viele Kontroversen, das ist wahr. Aber jetzt zählt für mich, welche Entscheidungen die Sozialisten aktuell treffen und wie sie aktuell handeln. Solange sie im Interesse der Bürger und des Landes handeln, können wir über die Vergangenheit hinwegtreten. In dem Augenblick, in dem wir sehen, dass die Sozialisten nicht mehr im Interesse der Bürger handeln, werden wir wieder Gegner sein. Es war keine leichte Entscheidung für uns, eine Regierung mit den Sozialisten zu bilden, aber wir hatten keine Wahl, die Alternative wäre gewesen, dass das Land unter der Herrschaft Plahotniucs bleibt, ein Regime, dass alle unterjocht hat, politische Gegner, die Medien, die Zivilgesellschaft, die Beamten, die Unternehmer, alle.

Warum waren die Sozialisten einverstanden, dass Sie Regierungschefin werden und dass die Mehrheit der Regierungsmitglieder ACUM-Mitglieder sind bzw. Ihrem Parteienbündnis nahestehen?

Die Diskussion über die Regierungsbildung war kurz, zwei Tage hat sie gedauert. Die Sozialisten wollten den Posten des Parlamentspräsidenten für sich und haben uns den Posten des Regierungschefs angeboten. Die Überlegung dahinter war wohl, dass der Posten des Parlamentspräsidenten stabiler ist und eine Regierung etwas volatiler ist. Anderseits dürfte wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass die Sozialisten verstehen, dass unser Land dringend finanzielle Hilfe braucht und wir von ACUM als einzige politische Kraft im Land die nötige Glaubwürdigkeit besitzen, um im Westen, in Brüssel, die Unterstützung dafür zu bekommen. Und tatsächlich haben wir ja auch schon Zusagen von Brüssel bekommen, dass ein Teil der eingefrorenen Finanzhilfen deblockiert wird.

In der Vergangenheit wurde viel über das so genannte „Binom Dodon-Plahotniuc“ spekuliert. Wie sehen Sie das?

In der Vergangenheit gab es häufig eine Kooperation zwischen Sozialisten und Plahotniuc, mal mehr, mal weniger offen. Aber ab einem bestimmten Moment war der Wunsch bei den Sozialisten groß, sich dem Einfluss Plahotniucs zu entziehen, so wie das auch bei einem Teil der Demokratischen Partei und überhaupt bei vielen Leuten der Fall war, die irgendwie von Plahotniuc abhingen. Heute atmen die Leute schon anders, freier, weil sie wissen, dass Plahotniuc nicht mehr da ist und ihnen nichts mehr anhaben und vorschreiben kann. Wir müssen die jetzige Gelegenheit, dieses Zeitfenster, nutzen, um die Institutionen zu befreien, damit wir in einigen Jahren nicht einen neuen Plahotniuc haben.

Kann das gelingen? Staatsverwaltung und Justiz in der Moldau-Republik sind ja voll von Leuten, die durch Plahotniuc eingesetzt wurden.

Ich bin auch überrascht über dieses Ausmaß der Usurpation des Staates, auch über das Ausmaß der Betrügereien, über die wir jeden Tag mehr erfahren, zum Beispiel wie öffentliche Gelder veruntreut wurden. Sehr oft z.B. wurde das Instument der Öffentlich-privaten Partnerschaft verwendet, um öffentliche Gelder zu stehlen. Der Prozess der Säuberung der Institutionen ist nicht einfach. Wir wollen natürlich auch nicht alle, die im früheren System gearbeitet haben, einfach so entfernen. Wichtig ist, dass der Prozess der Neuernennung von Beamten korrekt, legal und transparent verläuft. Wir haben auch ein Personalproblem, es gibt einfach nicht genügend kompetente Bewerber für Posten. Deshalb ermutigen wir die Diaspora, ins Land zurückzukommen.

Haben Sie persönlich Warnungen bekommen, wie weit Sie gehen können, dürfen mit Ihrer Reformpolitik? Erfahren Sie Sabotage?

Nein, persönlich nicht, denn die Leute wissen genau, dass das bei mir nicht funktioniert, denn ich würde das sofort öffentlich machen, wie überhaupt alle inkorrekten Vorschläge, die man mir machen würde. Sabotage existiert natürlich, am meisten durch die Staatsanwaltschaft und in der Justiz. Alle wissen, dass die Staatsanwaltschaft kein Interesse hat, bestimmte Korruptionsfälle zu verfolgen. Wir möchten deshalb eine grundlegende Reform der Staatsanwaltschaft auf den Weg bringen, unter Respekt für alle Gesetze und für die Unabhängigkeit der Institution, aber es scheint, dass es dort, unter den 660 Staatswanwälten des Landes, keine kritische Masse für eine Reform gibt. Wir suchen derzeit nach Lösungen.

Die Justizreform ist Ihr ambitioniertestes Projekt.

Ja. Und wir möchten das aus dem Innern heraus machen, also aus dem Land selbst heraus, nicht von außen. Natürlich verfolgen wir, wie es in Rumänien gelaufen ist, wie es in der Ukraine und in Albanien läuft. In den kommenden Wochen werden wir, auch unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft, diskutieren, wie wir das bei uns im Land machen.

Wieviel Kontrolle haben Sie momentan überhaupt über den Staat? Vor einigen Wochen, während des Machtwechsels, stand alles auf Messers Schneide, es war nicht klar, wohin das Land steuert.

Ja, das stimmt. Einige Tage lang war das Risiko für einen nicht-friedlichen Machtwechsel sehr groß. Wir sind froh, dass er dennoch friedlich verlaufen ist. Jetzt ist die Situation aber anders. In den Institutionen hat die Mehrheit der Beamten verstanden, dass Plahotniuc nicht mehr zurückkommen kann und keine Chance mehr hat, dass seine Macht verloren ist. Jetzt ist eher das Problem, dass es viele Leute gibt, die – lassen Sie mich es so ausdrücken – einen neuen Herrn suchen. Bisher war dieser Herr Plahotniuc, jetzt suchen sie jemand Neues, damit sie ihre Illegalitäten weiter betreiben können und diesem neuen Herrn etwas bezahlen, damit er sie gewähren lässt. Das ist jetzt die Gefahr. Wir signalisieren ganz klar: Das geht so nicht mehr weiter. Und: Wer Missbrauch betrieben hat, der muss sich verantworten. Für uns ist jetzt eine wichtige Aufgabe die mittlere Ebene der Staatsverwaltung zu konsolidieren. Die hat auch bisher schon gefehlt, also eine Schicht von Verwaltungsbeamten auf der Basis von Verdiensten und Qualifizierung, nicht abhängig von der Parteimitgliedschaft. Allerdings ist die Reform der öffentlichen Verwaltung überall ein langer Prozess, das wird auch bei uns eine Weile dauern.

Was sind rote Linien für Sie und für ACUM in der Koalition? Wann würden Sie die Koalition aufkündigen bzw. zurücktreten?

Es gibt mehrere rote Linien. Eine ist die Umsetzung des EU-Assoziierungsabkommens und der Weg der europäischen Integration unseres Landes. Jedes Abweichen davon wäre eine rote Linie. Eine andere rote Linie ist der Prozess der Säuberung der Institutionen und die Sicherung ihrer Unabhängigkeit. Wir wollen einen wirklichen Staat konstruieren. In den letzten 30 Jahren ist die Republik Moldau erbärmlich darin gescheitert, staatliche Institutionen aufzubauen, daraus resultieren so gut wie alle Übel in unserem Land. Deshalb sind wir an der Macht, das wollen wir schaffen, unabhängige Institutionen mit nicht-politische Beamten, eine unabhängige Staatsverwaltung und korrekte Personalpoplitik.

Sie haben zu Anfang dieser Woche in Berlin die Bundeskanzlern Angela Merkel getroffen. Was hat Merkel Ihnen gesagt?

Wir hatten ein gutes, offenes Gespräch, es ging um unsere Reformen und ich habe um Hilfe gebeten. Die Bundeskanzlerin hat verstanden, wie ernst die Situation bei uns ist, dass wir keine ehrlichen Leute haben, auf die wir uns verlassen können und mit denen man den Wandel schaffen kann. Wir haben über die Handelsbeziehungen zwischen unserem Land und der Region gesprochen, über Energiefragen, über das Transnistrien-Problem und wie wir es bewältigen können. Wir haben um Unterstützung für unseren Wandel gebeten.

Welche Erwartungen haben Sie an Deutschland?

Deutschland war immer ein wichtiger Anwalt für unser Land, beim EU-Assoziierungsabkommen und bei der Visa-Liberalisierung, Deutschland hat immer gut verstanden, was bei uns geschieht und es hat den Worten des früheren Regimes nicht vertraut. Ich zähle auch weiterhin auf die Unterstützung Deutschlands, für die ich sehr dankbar bin.

Haben Sie mit Angela Merkel auch über den „Milliardenraub“ diskutiert?

Ja, auch das. Unsere große Enttäuschung ist, dass vier Jahre vergangen sind und es keine großen Anstrengungen gab, das Geld zurückzubekommen. Ich habe mit der Agentur Kroll gesprochen. Vor zwei Jahren hätte es noch Möglichkeiten gegeben, einen großen Teil des Geld zurückzubekommen, aber die damalige Regierung hat die von Kroll vorgeschlagene Strategie nicht anwenden wollen, denn sie war selbst Teil des Raubes, und jetzt ist es für uns sehr schwer, das Geld zurückbekommen. Ein großer Teil des Geldes wurde über Lettland transferiert. Die dortige Bank, über die der Raub abgewickelt wurde, existiert heute nicht mehr.

Auch in Deutschland befindet sich ein Teil des Geldes.

Ja, es ist zwar nur ein kleinerer Teil, aber auch darüber habe ich mit der Bundeskanzlerin gesprochen. Deutschland hat uns Hilfe bei den Ermittlungen angeboten, wir müssen dafür Informationen zur Verfügung stellen, was wir machen werden. Genauer gesagt, muss unsere Staatsanwaltschaft den deutschen Behörden die Informationen zu Verfügung stellen. Dafür ist es notwendig, dass wir Veränderungen in der Staatsanwaltschaft haben, wie ich bereits sagte. Der Generalstaatsanwalt ist inzwischen zurückgetreten, und wir möchten in den kommenden Wochen einen provisorischen Generalstaatsanwalt einsetzen. Ich hoffe, das dann in der Frage des Milliardenraubes eine bessere Kooperation stattfindet.

Augenblicklich herrscht in der Republik Moldau die haarsträubende Situation, dass ein politischer Abenteurer wie Renato Usatîi davon spricht, er besitze den angeblichen Anhang der Kroll-Berichte mit den Namen der Empfänger der geraubten Milliarde, während die Regierung die diesbezüglichen Informationen von der Staatsanwaltschaft nicht bekommt.

Dazu muss man sagen, dass die Berichte von Kroll auf Antrag der Nationalbank angefertigt wurden. Die Nationalbank hat uns gegenüber gesagt, dass sämtliche Kroll-Berichte der Staatsanwaltschaft übergeben wurden und dass keinerlei Kopien mehr bei der Nationalbank liegen. Das heißt, dass gegenwärtig nur die Staatsanwaltschaft über Informationen darüber verfügt, ob und wie viele Anhänge die Kroll-Berichte haben. Die entscheidende Frage ist natürlich, woher Usatîi diese Berichte, diesen Anhang haben will und ob er wirklich authentisch ist. Wir können da nur spekulieren. Womöglich hat er Verbindungen zu bestimmten Staatsanwälten und hat diese Informationen gekauft, aber das ist, wie gesagt, Spekulation. Wenn es diese Liste der Empfänger tatsächlich gibt, dann ist natürlich die Frage, warum die Staatsanwaltschaft in all den Jahren, seit sie diese Liste besitzt, nichts gemacht hat.

Was können Sie tun, um dennoch an die Informationen zu gelangen?

Leider wurde das Gesetz über die Staatsanwaltschaft vom Plahotniuc-Regime dahingehend geändert, dass nicht einmal das Parlament Staatsanwälte oder den Generalstaatsanwalt einbestellen und anhören kann. Diese Bestimmung gab es früher. Plahotniuc hat dafür Sorge getragen, das nicht einmal das Parlament mehr Rechenschaft von der Staatsanwaltschaft einfordern kann.

Werden sie diese Bestimmungen ändern?

Wir treten nachdrücklich für die Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft ein. Aber es muss eine wirkliche Unabhängigkeit sein. Die Unabhängigkeit darf kein Mittel sein, um mafiotische Clans und Praktiken zu schützen. Wir müssen deshalb sehr genau überlegen, wie wir die Gesetze ändern.

Warum hat man es zugelassen, dass Plahotniuc und Ilan Șor aus dem Land fliehen konnten? Wird es internationale Haftbefehle und Auslieferungsersuchen gegen sie geben?

Plahotniuc und Șor wurden ganz offensichtlich von bestimmten korrupten Funktionären außer Landes gelassen. Wir hatten von ihrer Absicht, zu fliehen, keine Ahnung. Es ist auch unklar, wie sie außerhalb Landes geflohen sind. Es gibt den Verdacht, dass sie das Land mit falschen Identitäten und Ausweispapieren verlassen haben. Es scheint, dass sie über die Ukraine geflohen sind und wir haben bereits bei den dortigen Behörden angefragt, ob es dazu entsprechende Daten gibt. Was internationale Haftbefehle angeht oder Auslieferungsgesuche, so ist das eine Sache, die nur die Staatsanwaltschaft beantragen kann, ich als Premierministerin habe keinerlei derartige Vollmachten. Auch dabei wird wieder deutlich, wie wichtig es ist, dass wir die Staatsanwaltschaft schnell reformieren.

Ein Teil der Vermögenswerte von Plahotniuc und Șor sind schon beschlagnahmt worden, werden Sie weitere Vermögenswerte beschlagnahmen?

Ja, natürlich werden wir das versuchen. Diese Vermögenswerte sollen auch dazu genutzt werden, die geraubte Milliarde zurückzubekommen.

Der kürzlich veröffentlichte Kroll-2-Bericht spricht nicht nur von einer Milliarde, sondern von 2,9 Milliarden Dollar, die insgesamt verschwunden sind.

Es geht um eine Summe, die sich nicht nur auf die geraubte Milliarde, sondern auch auf Geldwäsche bezieht. Jetzt muss geklärt werden, wie viel von diesen 2,9 Milliarden Dollar tatsächlich gestohlenes Geld ist und wie viel nur gewaschen wurde.

Sie haben zuvor gesagt, dass sie fast täglich neue Vergehen des ehemaligen Regimes entdecken. Welche sind das?

Es geht vor allem um öffentliche Ausschreibungen, die unter Missachtung der Regeln veranstaltet wurden, die mit enormen Kosten für den Staat und mit sehr schlechter Qualität verbunden waren. Wir entdecken Fassaden-Unternehmen, hinter denen sich identische Personen verstecken. Wir entdecken bestimmte Mechanismen, mit denen Staatsunternehmen geplündert werden. Wir entdecken, bisher in geringerem Maße, auch Raider-Attacken. Die Besitzer dieser Unternehmen wurden unter Druck gesetzt, indem man ihnen Steuerbetrug anhängte oder sie wegen anderer vermeintlicher Delikte ins Gefängnis brachte, dort eine Weile lang schmoren ließ, bis sie nachgaben und Teile ihres Geschäftes oder das gesamte Geschäft übergaben. Das Problem ist, dass all diese Informationen zur Staatsanwaltschaft kommen müssen und dass diese dann auch ermitteln muss.

Kommen wir zum Thema der Beziehungen der Republik Moldau mit Russland: Sie haben als Regierungschefin schon einige Auslandsbesuche absolviert, aber einen Besuch in Moskau haben Sie kürzlich höflich abgelehnt und gesagt, dafür sei momentan keine Zeit. Umgekehrt ist Staatspräsident Dodon häufig Gast in Russland, gerade wieder ist er zu einem Treffen mit Dmitri Kosak nach Moskau gefahren. Wie sind die Perspektiven der moldauisch-russischen Beziehungen?

Ich habe eine informelle, aber noch keine offizielle Einladung aus Moskau bekommen. Was ich dazu gesagt habe, ist, dass ich nicht gegen einen Besuch in Moskau bin, dass aber ein solcher Besuch gut vorbereitet sein und es konkrete Verhandlungspunkte geben muss. Es geht vor allem um den gegenseitigen Handel und um bestimmte moldauische Produkte, die wir derzeit nicht nach Russland exportieren können. Wir haben eine gemeinsame Kommission dazu initiiert, die sich im Herbst treffen wird. Ein anderer Punkt ist die Neuverhandlung über die Lieferung von Gas. Denn der Vertrag, den wir jetzt haben, läuft zum Jahresende aus. Kurz und gut, wir werden die Möglichkeit eines Besuches analysieren.

Wie sehen Sie die Zukunft der russischen moldauischen Beziehungen auf dem Hintergrund der Tatsache, dass Russland immer noch widerrechtlich militärische Truppen und Material auf dem Territorium der Republik Moldau stationiert hat, obwohl es sich im Rahmen eines internationalen Abkommens dazu verpflichtet hat, diese abzuziehen, was bereits 2002 hätte geschehen müssen, also vor 17 Jahren.

Ich habe bei bisherigen Treffen mit russischen Offiziellen betont, dass wir eine europäische Kraft sind, dass wir die Erhöhung des Lebensstandards in der Moldau-Republik durch eine europäische Integration gewährleistet sehen. Ich habe auch betont, dass Russland seine Militäreinheiten vom Territorium der Republik Moldau abziehen muss. Ich habe auch betont, dass wir gegen eine Förderalisierung des Landes sind. Die russische Seite kennt unsere Positionen sehr genau. Gleichzeitig aber sind wir übereingekommen, unsere ökonomischen Beziehungen zu verbessern.

Werden sie mit bestimmten Gesten auf Russland zugehen? Z.b. wurden ja in der Vergangenheit mehrfach russische Politiker und Journalisten zu unerwünschten Personen erklärt, willkürlich und zumeist unbegründet. Wird sich das ändern?

Wie werden schlicht und einfach eine korrekte Politik betreiben. In der Vergangenheit wurden Leute an der Grenze atsächlich grundlos abgewiesen oder ausgewiesen, übrigens auch westliche Journalisten, die dem Regime nicht passten. Wir werden uns einfach korrekt verhalten. Wenn es keinen begründeten Verdacht der Gefährdung des Staates gibt, wird auch niemand ausgewiesen.

Sie haben über die Energiefrage für die Republik Moldau gesprochen. Ein Problem sind die Korruptionspraktiken zwischen Transnistrien und dem rechten Moldauufer bei Energielieferungen. Ist es vorstellbar, dass Transnistrien Sabotage oder einen Boykott betreibt, wenn Schmuggel oder Korruptionsschemata bei Energielieferungen unterbunden werden?

Wir haben diese Fragen bei den 5+2-Treffen angesprochen und ich habe auch bei meinem Besuch in der Ukraine mit Selenskyj darüber gesprochen. Ich habe ihn darum gebeten, uns bei der Unterbindung des Schmuggels und der Korruptionsschemata zu helfen. Denn solange Transnistrien eine Region bleibt, in dem sich Personen auf diese Art und Weise bereichern, wird es auch keine politische Lösung für den Konflikt geben. Wir haben auch versucht nachzuvollziehen, warum die vorherige Regierung aufgehört hat, Energielieferungen nur aus der Ukraine zu beziehen und warum sie wieder angefangen hat, Energie aus Transnistrien zu beziehen. Die Details müssen wir noch klären. Wichtig ist, dass wir momentan jederzeit Stromlieferungen aus der Ukraine bekommen, und wichtig ist auch, dass wir uns via Rumänien besser an das europäische Stromnetz anschließen, das wird eine Priorität unserer Energiepolitik ein. Was die Gaslieferungen anbetrifft, so ist das etwas komplizierter. An der Gaspipeline zwischen Iasi und Ungheni wird noch gearbeitet, und das wird längere Zeit dauern. Leider werden wir mittelfristig noch von russischem Gas abhängig bleiben.

Wie kommentieren Sie das Votum von Andrei Năstase in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates betreffend die Rückkehr Russlands?

Ich glaube, es ist besser, wenn sie dazu Herrn Năstase selbst fragen. Mein Kollege Mihai Popșoi hat mit der Ukraine gestimmt, und das ist auch die Position der Partei, die ich repräsentiere.

Welche Beziehungen werden Sie künftig mit Transnistrien haben? In der Vergangenheit hat sich ja Präsident Dodon mit dem nicht anerkannten Präsidenten Transnistriens wie mit einem anderen Staatschef getroffen.

Auf dem letzten 5+2-Treffen habe ich mehrere Botschaften gesandt, vor allem, dass wir gegen Korruption und Schmuggel kämpfen, dass wir im Parlament initiiert haben, die Duty-Free-Geschäfte in Transnistrien abzuschaffen, ich habe auch betont, dass ich nicht verstehe, warum bestimmte Burger vom rechten Ufer des Dnjestr nicht nach Transnistrien reisen können, während Leute aus Transnistrien das Recht haben, den Flughafen von Chișinău zu benutzen. Insgesamt sind wir offen und möchten dazu beitragen, dass die Lebensbedingungen auch der Bürger auf der linken Seite des Dnjestr sich verbessern.

Sie waren kürzlich zu einem Besuch in Bukarest. Rumänien hat bis zum Schluss Plahotniuc unterstützt. Es gibt in Rumänien und in den rumänischen Medien auch eine zum Teil phänomenale Unwissenheit über die Moldau-Republik und auch sehr viele Vorurteile. Wie schwierig war es für Sie, überall das hinwegzusehen und diesen Besuch in Bukarest zu absolvieren?

Es gibt in Rumänien Leute, die gut verstehen, was in der Moldau-Republik passiert, und Leute, die das nicht verstehen. Für uns ist jetzt aber wichtig, dass alle, die ich in Bukarest getroffen habe, sehr offen waren, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, und unserer Regierung Unterstützung angeboten haben. Auch Präsident Klaus Johannis war sehr offen und hat uns seiner Unterstützung versichert. Meine Position war immer, dass Rumänien mit allen Parteien in der Moldau-Republik sprechen sollte, so wie auch die Europäische Union mit allen in unserem Land sprechen sollte. Nur dann werden alle Menschen in unserem Land verstehen, dass die Europäische Union und Rumänien nur un ser Bestes wollen. Es wäre gut, wenn Rumänien nicht nur mit unionistischen Kräften, sondern mit allen sprechen würde.

Bei der Parlamentswahl vom Februar haben Sie in Regionen und Orten, in denen mehrheitlich russischsprachige Menschen wohnen, sehr wenige Stimmen bekommen. Es gab Kritik von Beobachtern daran, dass Sie zu wenig auf die russischsprachigen Einwohner der Republik Moldau zugegangen sind. Wollen Sie das künftig ändern?

Ich glaube, man kann nicht behaupten, dass wir überhaupt nicht auf diese Menschen zugegangen sind. Seit ich in der Politik bin, versuchen meine Partei und ich die Menschen hinter gemeinsamen Zielen zu versammeln, nämlich ein besseres Leben ohne Korruption, Respekt für Menschenrechte, mehr Rechtsstaat, Transparenz. Wir haben nicht versucht, geopolitische Themen für unsere Politik zu instrumentalisieren. Wir haben auch nicht versucht, die Gesellschaft mit Themen wie Minderheiten, Sprache und so weiter zu spalten. Zugleich war es ziemlich schwierig für uns, russischsprachige Menschen für unsere Partei zu gewinnen. Wir haben Russen, Ukrainer, Gagausen und andere in unsere Partei eingeladen, leider sind sie aber nicht gekommen. Es stimmt, jetzt haben wir mehr Möglichkeiten zu demonstrieren, dass wir für alle Menschen im Land da sein wollen und die Lebensbedingungen von allem verbessern wollen. Wir möchten die Bildungsmöglichkeiten in allen Minderheitensprachen in der Moldau-Republik garantieren und verbessern und zugleich möchten wir auch die Möglichkeit, Rumänisch zu lernen, verbessern. Wir möchten das den Russischsprachigen wirklich aufrichtig zeigen. Aber es stimmt, in der Vergangenheit war es für die proeuropäischen Parteien nicht leicht, die Unterstützung der russischsprachigen Menschen zu bekommen, weil sie mehr nach Moskau orientiert sind.

Sie haben letztes Jahr eine Kontroverse provoziert, als Sie in einem Interview sagten, Marschall Antonescu sei eine historische Persönlichkeit, über die man Gutes und Schlechtes sagen könne. Die jüdische Gemeinde der Moldau-Republik hat Sie dafür kritisiert. Wie stehen Sie heute zu dem Satz?

Ich habe schon damals nach der Kritik gesagt, dass es mir leid tut und meine Aussage falsch interpretiert wurde. Antonescu ist zu Recht als Kriegsverbrecher zu betrachten. Es ging in meiner Aussage um Sachen, die er bis zum Krieg und zu seinen Kriegsverbrechen getan hat. Ich habe aus dieser Sache gelernt, dass es besser ist, in Geschichtsfragen Historiker sprechen zu lassen.

Frau Ministerpräsidentin, vielen Dank für das Gespräch.

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Türkei: Zeitenwende in der aussenpolitischen Ausrichtung

Die Türkei erhält trotz allen US-Warnungen das russische Abwehrsystem S-400 und wird vom F-35-Kampfjet-Programm ausgeschlossen.
— Weiterlesen www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Turkei-Erdogan-S-400-F-35-Zeitenwende

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* Rund Europa 2019 (3). Aufbruch nächsten Montag

Freitag, 19.07.2019, 14:26:42 :: Raudondvaris, Litauen

Ja, am kommenden Montag, dem 22. Juli, wollen wir zu einer Rundreise nach Norden bis zur Insel Saaremaa aufbrechen; veranschlagt sind 14 Tage bis zur Rückkehr nach Raudondvaris.

Nicht, dass wir da zum ersten mal wären: 2010 waren wir da zum ersten mal, 2012 nochmal, sozusagen »en passant«.

Nun sind sieben Jahre vergangen und nachdem wir ja Ülle aus Randvere zuletzt am 24. April in Durrës in Albanien getroffen hatten, ist deren Landhaus auf Saaremaa unser Ziel.

Ok., jetzt muss ich das wohl erstmal erklären, nachdem der entsprechende Beitrag von Albanien noch gar nicht geschrieben ist:

Am Sonntag vor unserer Abfahrt aus Naxos bekam ich eine Email aus Estland. Ülle Purga aus Saaremaa, wo wir schon zwei mal, zuletzt 2012, zu Gast waren, hat hier im Blog gelesen, dass wir ungefähr zur selben Zeit wie sie in Albanien sind, da könnte man sich doch zu einem Tee und einem Plausch treffen? Ich sage natürlich zu. Und wer nun genauer wissen will, wer Ülle Purga ist, den verweise ich auf Google und/oder Facebook :-).

Wir fahren (grob) …

nach Saaremaa oder Ösel, wer’s gerne wieder deutsch möchte – also schön viel Inseln und landen dann hoffentlich unversehrt und mit heilem Senfle hier:

Und damit wir nicht ganz auf Griechenland verzichten müssen, kommen wir hoffentlich im Zimmer Meteora unter …

Links:

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Der Zustand Europas = Der Zustand des „Zentrum Europas“?

Mittwoch, 17.07.2019, 16:30:29 :: Raudondvaris

Dies wird vielleicht ein wenig ein politischer Beitrag …

Seit dem Bestehen des Europos Centras besuchen wir diesen Punkt, ca. 20 km nördlich von Raudondvaris, der den letzten Berechnungen zufolge den geografischen Mittelpunkt Europas markiert.

Geographen des Institut géographique national, des nationalen Geographieinstituts Frankreichs, errechneten 1989 den geographischen Mittelpunkt Europas als Flächenschwerpunkt und ermittelten eine Stelle beim Dorf Purnuškės etwas nördlich von Vilnius in Litauen mit den Koordinaten 54° 54′ 0″ N, 25° 19′ 0″ O.

Wikipedia

Viel habe ich darüber berichtet, zeigte und zeigt die kontroverse Diskussion über die genaue Lage des Zentrums Europas doch auch Parallelen zur politischen Diskussion über die Lage Europas in der Welt, speziell natürlich der EU.

Links:

  1. 2006-08-02 :: Ukraine
  2. 2007-08-02 :: Litauen
  3. 2007-08-26 :: Riga, Lettland
  4. 2008-08-07 :: Litauen
  5. 2010-08-09 :: Litauen
  6. 2012-07-17 :: Litauen
  7. 2012-07-23 :: Litauen und 2012-08-21 :: Polen
  8. 2014-08-18 :: Litauen
  9. 2016-07-23 :: Litauen (shame!, no blog yet)

Gerade gestern hatten wir die Wahl Ursula von der Leyens zur neuen Kommissionspräsidentin. Die Diskussion darüber, was das für Europa zu bedeuten hat, hält an.

Gestern ist von der Leyen zur Kommissionspräsidentin der Europäischen Union gewählt worden. Und gleichzeitig wurde bekannt, dass Kramp-Karrenbauer die Nachfolgerin als Verteidigungsministerin werden soll. Das ist zusammengenommen der fundamentale Beleg der Militarisierung der Europäischen Union und Deutschlands. Deshalb ist der 16. Juli 2019 ein wirklich schwarzer Tag.

Albrecht Müller.

Beide Personen sind Atlantiker und am Gängelband der USA und der NATO. Versagt haben mal wieder die SPD und die Grünen. Die Sozialdemokraten Europas wurden letztlich mit dem Job für den spanischen Kandidaten für das Amt des europäischen Außenbeauftragten, also quasi des Außenministers der EU gekapert. Er ist nach Meinung von Kennern der Szene und des Personals schlicht eine unangenehme Person. Von Sozialdemokratie ist da nichts zu spüren.

In der Summe ein Horrorkabinett. Und in Berlin? Mit Kramp-Karrenbauer wird das Niveau des Merkel-Kabinetts nicht gehoben. Wer glaubt, die Entscheidung für von der Leyen wie auch die Entscheidung für Kramp-Karrenbauer sei gegen den Willen von Angela Merkel geschehen, täuscht sich.

Bemerkenswert und typisch für den Zustand der SPD ist auch noch die vielleicht für die Wahl von der Leyens entscheidende Intervention des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages und SPD-Abgeordneten Oppermann für die Wahl von Frau von der Leyen. Typisch: in entscheidenden Situationen werden die Atlantiker und Befürworter der Militärpolitik aktiv.

Mit sozialdemokratischer Politik hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Die drei Zwischen-Vorsitzenden sollten sich mit dieser Kernfrage sozialdemokratischer Politik einmal beschäftigen: Steht die SPD zu den Grundsätzen der Friedenspolitik, d. h. für den Versuch, friedliche Lösungen in der Welt zu finden und ein Volk der guten Nachbarn zu sein für alle, also einschließlich Russlands oder tut sie das nicht? An dieser Frage wird sich auch entscheiden, ob die Sozialdemokratie überhaupt noch überlebensfähig ist. Wenn sie sich nicht mehr auf ihre friedenspolitische Mission und dieses großartige Erbe von Willy Brandt – nach vorn – besinnt, dann wird sie nicht mehr gebraucht. Dann können wir die Republik und die Europäische Union den von der Leyens und Kramp-Karrenbauers überlassen.

Nachdenkseiten


Alleine im Zentrum Europas

Am letzten Sonntag(!) waren wir wieder im Europos Centras, es ist eben so Ritual geworden. Und vielleicht sogar ein wichtiges. Denn der Zustand dieses einst mit viel Pomp und Prominenz eingeweihten und gefeierten Platzes macht denselben kümmerlicheren Eindruck wie 2012, als ich schrieb »* Rund Europa 2012, 47. Tag: Raudondvaris – Ist Europa am Ende?«. Heute findet sich hierzu nicht einmal eine angemessene Internetpräsenz. Und dieser Zustand erinnert an die Verfassung Europas und der EU.

Und die reale Situation Europas heute?

Was wurde nicht alles getan an diesem stolz gefeierten Platz? Jeder Präsident pflanzte eine Eiche (zwei stehen noch …), ein kleines Museum wurde geöffnet, es gab Info-Material, Bücher, Souvenirs.

Und heute? Alles macht einen trüben, maroden und ungepflegten Eindruck. Die Museumshäuser sind geschlossen, die Holzbrücke, die zum Hügel führt, vermodert. Publikum? Fast niemand hier, unten auf dem Parkplatz steht gerade mal ein Camper mit Kennzeichen von Gross Gerau. In der Ferienzeit, an einem Sonntag …

Die Parallelität drängt sich mir auf.

Und der Golfplatz?

Dort ist ebenfalls Fehlanzeige. Die Störche sind nicht zurück gekehrt, das Restaurant/Café so gut wie leer, die Speisekarte auf eine lächerliche halbe DIN-A-4-Seite geschrumpft, die Qualität unserer bestellten Speisen weniger als bescheiden.

Und auf dem Golfplatz tummeln sich ein paar Väter und junge Ehepaare mit ihren Kindern auf Minigolf-Tour. Selbst die Begeisterung für exklusives Golfen ist dahin.

Die Parallelität zum Zustand Europas drängt sich mir stark auf.

Aber die Landschaft ist nach wie vor harmonisch

Wenigstens das.

Google Fotos

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Bertolt Brecht: Maßnahmen gegen die Gewalt

Freitag, 12.07.2019, 14:30:39 :: Raudondvaris

Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.

„Was sagtest du?“, fragte ihn die Gewalt.

„Ich sprach mich für die Gewalt aus“, antwortete Herr Keuner.

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss länger leben als die Gewalt.“

Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:

In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten und auf dem stand, dass ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.

Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: „Wirst du mir dienen?“

Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: Das war, ein Wort zu sagen.

Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.“

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* Rund Europa 2019 (2), 13. Tag: Sejny – Raudondvaris

Donnerstag, 11.07.2019, 22:36:54 :: Raudondvaris
Dienstag, 16.07.2019, 13:51:44 :: Raudondvaris

Uunser Frühstück in diesem ungewöhnlich grossen Hotelkomplex ist polnisch und/aber ausreichend: Deftig und für meinen Magen so früh eher ungeeignet.

Sejny ist die letzte grössere Stadt hier oben im Nordosten von Polen, oft umkämpft, bevölkerungsmässig über die Jahrhunderte sehr gemischt, heute im Wesentlichen polnisch mit einer starken litauischen Minderheit; umgekehrt ist es im südlichen Litauen: In Rieše, im Nachbardorf unseres Zielortes Raudondvaris, besteht sogar eine eigene polnische Schule.

Die Synagoge von Sejny

Als wir Anfang September 2014 die Rückfahrt von Litauen antraten, hatten wir hier in Sejny einen längere Halt eingeplant, um das beeindruckende Dominikanerkloster zu besichtigen.


Das ehemalige Dominikanerkloster (2014) …


… und die Klosterkirche

Zum Klosterbau gehört eine Kirche aus der Spätrenaissance, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts im verspielten Rokokostil umgebaut wurde. Von den Gläubigen besonders verehrt wird die in der größten Seitenkapelle der Kirche befindliche, aus Lindenholz geschnitzte Madonnenfigur. An Feiertagen wird der Korpus der Statue geöffnet. Im Inneren befindet sich eine ebenfalls in Holz geschnitzte Kreuzigungsszene. 1975 wurde die Madonnenfigur vom dem damaligen Krakauer Bischof, Karol Wojtyła – dem späteren Paps Johannes Paul II. – gekrönt. Außer der Kirche können Besucher noch die Wirtschaftsgebäude des Klosters besichtigen, die zurzeit auf Hochtouren renoviert werden.

Sejny – Geschichte und Sehenswürdigkeiten

Wie ich heute wieder feststelle, fehlen für diese Fahrt sämtliche Beiträge, obwohl sie in der Chronik aufgeführt sind. Es war das Jahr der zweiten Zungen-OP und der darauf folgenden Brachytherapie … Da wartet also noch reine Arbeit, da alles soweit dokumentiert ist.

Das Kloster konnten wir diesmal also ausfallen lassen (ein paar Bilder folgen hier trotzdem) und wenden uns an diesem Morgen die Weissen Synagoge zu.

Die sogenannte Weiße Synagoge in Sejny, einer polnischen Stadt in der Powiat Sejneński im Nordosten der Woiwodschaft Podlachien, wurde 1885 errichtet. Die profanierte Synagoge an der Adresse Ulica Józefa Piłsudskiego ist ein geschütztes Kulturdenkmal.

Die Synagoge im Stil des Neobarocks wurde auf Initiative von Moses Becalel Luria erbaut. Während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude verwüstet und als Feuerwehrhaus genutzt.

Nach dem Krieg diente es als Garage und Lager. In den Jahren 1978 bis 1987 wurde die Synagoge von der Stiftung Pogranicze renoviert. In der ehemaligen Synagoge finden regelmäßig Ausstellungen statt.

Wikipedia

Ihre Existenz war mir erst gestern beim Stöbern im Internet und im elektronischen Stadtplan aufgefallen. Sie liegt nur zwei bis dreihundert Meter weiter vom Hotel auf unserm weiteren Weg nach Litauen.


Im Hintergrund die Klosterkirche

Wir haben Glück. Sie ist offen, eine Frau ist dabei, die Spuren des letzten Konzerts zu beseitigen – es finden in dem profanisierten Gebäude offensichtlich nicht nur Ausstellungen statt, sondern auch Rockkonzerte.

Die Beleuchtung des hohen und weiten Raumes ist abgeschaltet, das einzige Licht dringt durch die offene Türe. Wie an allen Orten, deren das Hitlerregime und seine Unterstützer vor Ort habhaft werden konnte, so wurde auch in Sejny die bedeutende jüdische Bevölkerung vernichtet. Damit sind wir wieder einmal konfrontiert und stehen betroffen.

In Sejny gab es nie eine national homogene Bevölkerung. Die gesamte Region war im Mittelalter von baltischen Stämmen besiedelt. Später wanderten Polen und Juden ein. Im Jahre 1897 stellten letztere ungefähr die Hälfte der Einwohnerschaft. Nach 1945 wurden verstärkt aus den Ostgebieten vertriebene Polen in der Gegend angesiedelt. Heute ist der Powiat Sejneński das Zentrum der litauischen Minderheit in Polen. Es gibt eine litauische Schule, ein Generalkonsulat sowie verschiedene kulturelle Einrichtungen wie die Zeitschrift Aušra (Morgenröte). Bei der letzten polnischen Volkszählung von 2002 bekannten sich 7,9 % der Stadtbevölkerung und 18,6 % in der Gmina Seiny zur litauischen Nationalität.

Wikipedia

Die Angaben zum Anteil der jüdischen Bevölkerung schwanken: Auf dem Plakat hier wird von 819 Personen (24%) gesprochen.

Draussen auf dem Parkplatz auf dem martialischen Denkmal kommt die Marienverehrung wieder voll zur Geltung; ebenso wie vor der Klosterkirche.


Im Hof der Klosterkirche (September 2014)

Links:

Auf nach Litauen!

Aber dann geht’s weiter, letzte Etappe nach Vilnius. noch liegen diese riesigen polnischen Kornfelder links und rechts, auch haben wir mal wieder eine bisher unbekannte kleine Strasse gefunden. Dann aber wandelt sich alles.

Wir scheinen Glück zu haben: Ab der unnützen und vor sich hin träumenden Zollstation von Litauen reisst der Himmel auf, wir sehen Blau und Sonne.

Die Felder werden weniger, kleiner, das Brachland grösser: Wir sind in Litauen, es ist eklatant.

Bei Merkinė überqueren wir zum ersten mal den Nemunas (Memel), der hier mit dem Merkys zusammenfliesst.

Direkt am Ende der Brücke von Merkinė liegen auf einem kleinen Hügel die Reste der erstmals 1359 erwähnten Holzburg von Merkinė.

Wie eigentlich alle Orte in Litauen, so hat auch dieser kleine Ort seine eigene traurige Geschichte.

Am 23. Juni 1941, kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen, erreichten die deutschen Truppen auch Merkinė. Fast gleichzeitig begann auch dort die Judenverfolgung. Aber die deutschen Truppen machten auch Jagd auf Partisanen und Kommunisten. Offiziell wurden alle Verfolgten in Arbeitslager oder in das Gefängnis nach Alytus gebracht, in Wirklichkeit jedoch kurz nach dem Abtransport getötet. Im September 1941 wurden alle Juden des Dorfes von B. Naujokas, dem Polizeichef von Merkinė zusammen getrieben und in einer Synagoge sowie der jüdischen Schule gefangen gehalten. Etwa 700 Personen aus dem Umfeld, unter anderem aus Leipalingis, Seirijai und Liškiava, wurden ebenfalls von deutschen Soldaten sowie litauischen Hilfskräften, den sogenannten Weißarmbindern, nach Merkinė gebracht.

Am 10. September 1941 wurden alle Gefangenen, nach offiziellen Angaben aus dem Jäger-Bericht 854 Juden, darunter 355 Frauen und 276 Kinder, von Angehörigen der SS sowie litauischen Hilfskräften, dem sogenannten Einsatzkommando 3 ermordet.

Kurz vor Varena halten wir an einem unserer Lieblingsplätze, dem Glėbas-See. Zum Schwimmen ist uns zwar nicht zu Mute, aber der Blick über diesem See ist – naja, sowas wie „erhaben“. Er ist kreisrund, ca 1,5 km im Durchmesser und ein typisches eiszeitliches Überbleibsel.

Fast am Ziel

Und dann wird der Verkehr dichter, Vilnius kündigt sich an. Wir machen erst einmal Halt in der Akropolis, weniger, weil wir aus Griechenland kommen als des Internets und eines guten Cappuccino wegen.

Litauen ist ja eines der Länder, wo es völlig normal und kostenlos bis kostengünstig ist, überall mit dem Internet verbunden zu sein. Ein Festnetz gibt es nur noch rudimentär, alles läuft über Mobile Daten, auch zuhause.

Ich hole mir also bei Bitė eine neue SIM-Karte; ich bin noch im Computer, daher geht das blitzschnell. Bezahlt wird für wirklich unbegrenzten schnellen Datenverkehr – und zwar am Monatsende – mit Bitė-eigener Kreditkarte. Und wieviel? 26 € … Die SIM kommt in einen kleinen Taschenrouter, den ich vor drei Jahren hier erstanden habe und schon sind wir mir allen Geräten mit der Welt verbunden. Hallo, Deutschland!

Raudondvaris

Dann noch 20 km nach Norden und wir sind angekommen.

Und als abendlichen Abschluss gönnen wir uns ein Essen im Armenischen Restaurant auf der anderen Seeseite.

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* Rund Europa 2019 (2), 12. Tag: Ryn – Sejny

Mittwoch, 10.07.2019, 14:24:16 :: Sejny (Seine), Hotel Skarpa
Dienstag, 16.07.2019, 15:09:48 :: Raudondvaris, Litauen

Ich bin zunächst optimistisch am Morgen – bis nach dem Frühstück.

Das Hotel unter den Kastanien

Zwar beladen wir das Senfle noch trockenen Fusses und Hauptes, doch nach ein paar Kilometern ist klar: Wir werden nicht bis Vilnius fahren bei diesem Wetter.

Ryn, das Schloss

Störche am laufenden Band

Und so werden es gerade mal knappe 150 km, bis wir in Sejny Quartier beziehen – ein für das Städtchen gewaltiger Hotelkomplex in dem man sich schon mal verirren kann. Hier noch ein paar Eindrücke von unterwegs:


Bei Olecko

Kirche von Bakałarzewo

Kirche von Bakałarzewo

Mit Suwałki durchfahren wir die letzte grosse Stadt hier im Nordosten Polens (68.000 Einwohner), ehe wir im wirklich letzten grösseren Ort landen, s.o..

Suwałki (Suwalken)

Suwałki (Suwalken)

Suwałki

Polen, das Land der unendlichen Plakatwände

Aber dort, vom Hotelfenster, haben wird dann doch einen malerischen Ausblick.

Über Sejny morgen mehr, denn heute geht gar nichts, es regnet immer wieder. Wie langweilig … Und der geplante längere Aufenthalt in den Masuren, mit Schwimmen und Spazierengehen – alles mal wieder Kalter Kaffee, dieser Plan.

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* Rund Europa 2019 (2), 10. und 11. Tag: Ruhetag und Eława – Ryn

Dienstag, 09.07.2019, 18:04:09 :: Ryn, Masuren, Zajazd pod kasztanami (Gasthaus unter den Kastanienbäumen)

Der Montagmorgen war so grau und die Wettervorhersage so niederschmetternd, dass wir sehr schnell einer Meinung waren: Wir bleiben einen Tag länger. Hier im Hotel stimmt alles, also warum durch den Regen fahren, ohne was zu sehen, auszusteigen, gar zu baden? Seen hätte es hier ja wahrlich genug.

Also sitze ich fast den ganzen Tag an Bildern und Blogbeiträgen.

Am heutige Dienstagmorgen ist es nicht besser, nachdem es gestern Abend beim Sonnenuntergang so gut aussah.

Wir fahren aber trotzdem los – und kommen von einem Regengebiet ist nächste.

Er hat es deutlich ungemütlicher als wir, die wir wenigstens im Trockenen sitzen.

Aber wir wollen unser ursprüngliches Ziel Ryn (Rhein) im Masurischen Seengewirr endlich erreichen, also nutzen wir den Frontscheibenwischer spärlich, immer gewärtig, dass er ausfällt. Aber er hält durch und so erreichen wir bereits vor Mittag das Städtchen und checken gleich im unterwegs ausbaldowerten Gasthaus unter den Kastanienbäumen (Zajazd pod kasztanami).

Wie wir schnell feststellen, ist es eine Originalausgabe »Ferienheim der Sowjetzeit«, wie wir sie häufig im Baltikum gefunden haben. Hier toben an die 30 Kinder im Alter von ca. 8 – 10 Jahren herum, grosses Hallo! und Raus-und-Rein.

Kurzspaziergang

Iimmerhin zeigt der Himmel etwas Blau, was uns animiert, einen Spaziergang hinunter an den Jezioro Ryńskie (Rheiner See) zu unternehmen. Es ist natürlich nicht viel los.

Ein Schloss!

Burg und Schloss in Ryn überrascht uns. Es ist Hotel und Konferenzzentrum; vielleicht schauen wir morgen mal rein, denn eine drohende schwarze Wolke zieht auf.

Wir bestaunen die Infotafeln, u.a. eine über einen Verbindungstunnel zwischen dem Rheiner See und dem Ollofsee im Norden. Ein sehr ähnliches Bauwerk zum selben Zweck haben wir vor Kurzem in Weilburg bestaunt.

Und da geht’s schon los. Lis hat den Schirm und ich nasse Füsse und Jacke …

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* Rund Europa 2019 (2), 9. Tag: Schlochau – Iława (Eylau)

Sonntag, 07.07.2019, 15:09:37 :: Iława (Eylau), Hotel Karczama Labędź
Freitag, 12.07.2019, 14:21:01 :: Ergänzungen (Raudondvaris)

Schlochau

Am Morgen besichtige ich kurz die Burgreste mit Schlosskirche von Człuchów (Schlochau); Lis weigert sich, auszusteigen – es ist wirklich scheussliches Wetter, windig und kalt, von Sommer keine Spur.

Die Fahrt weiter nach Osten führt uns wieder durch unendliche Getreidefelder, oft bis zum Horizont, dann wieder kilometerweit durch dichte Wälder und Lindenalleen.

Wir sind schon froh, dass kein Tropfen Regen fällt, aber es ist so kalt, dass ich die Heizung aufdrehe …

In jedem Dorf, sei es auch noch so klein: Eine Kirche gibt es nahezu immer, oft neugotisch in Backstein, oft aber auch bullig, zuweilen ziseliert und überspitz. Immer wieder denken wir dann an die Kirchen, Synagogen und Moscheen durch – vom Polarkreis bis hinab nach Naxos: Dieselbe Ur-Religion …

Die Marienverehrung im Norden Polens sticht ins Auge. Was in Bayern die Wegkreuze sind hier die Marienaltare und Weghäuschen.

Allerdings steckt dahinter nicht zuletzt eine politische Komponente der Katholischen Kirche in Polen, und das ist weniger putzig:

Der Kampf um „Nationalkultur“ und gegen „Antikultur und Antizivilisation“, was eine äussert scharfe Aggression gegen „LGBT-Ideologie“ einschliesst. Der Sender Radia Maria ist dabei von entscheidendem Einfluss.

Politischer Einfluss
Dem Sender wird vorgeworfen, dass er sich einseitig und parteiisch in die Politik einmische. Die polnischen konservativ-katholischen Parteien wie Recht und Gerechtigkeit (PiS) und Liga Polnischer Familien (LPR) wurden im Wahlkampf unterstützt. Pater Tadeusz Rydzyk, der die „Hochschule für Sozial- und Medienkultur“ (Wyższa Szkoła Kultury Społecznej i Medialnej) in Toruń (Thorn), deren Rektor er ist, wie auch den Fernsehsender TV Trwam leitet und die Zeitung Nasz Dziennik gründete, wird Parteinahme vorgeworfen.
Die Kritik am Sender richtet sich vor allem dagegen, dass Programminhalte einen europaskeptischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Charakter aufwiesen. Insgesamt gingen beim nationalen Landesrundfunkrat knapp 40 Beschwerden gegen Radio Maryja ein.

Wikipedia, Radia Maria

Man darf das wohl alles als immer noch wirkende Folgen der Eroberung durch die Kreuzritter interpretieren …

Störche …

… thronen natürlich auch fast in jedem Dorf, oft sogar zwei oder drei Familien. Auf diesen weiten feuchten Flächen findet sich reichlich Nahrung. Selbst am Strassenrand waten sie in den Gräben, ohne sich durch den Autoverkehr stören zu lassen. Erschrecken kann man, wenn sie plötzlich fliegend neben einem auftauchen. Derart Grösse Vögel sind wie nicht mehr gewöhnt, hier gehören sie zum »Strassenbild«.

Auf den verlorenen stillen Nebenstrassen kommt für eine Weile die Sorge um eine Tankstelle auf, aber wir haben mal wieder Glück.

Wir passieren neben vielen kleinen und kleinsten Dörfern und Ansiedlungen mit alten teils verfallenen Gutshöfen die Städte Tuchola (Tuchel) und nach Überquerung der Weichsel, dem längsten Fluss Polens, …

Grudziądz (Graudenz) und geben kurz nach Iława (Deutsch Eylau)

… auf, als wir das rustikale Hotel am See liegen sehen.

Fahren macht keinen Spass bei der Witterung, diesem verhangenen Himmel. Das Restaurant ist nahezu überbelegt – eine Tauffeier, wie sich später herausstelt. Aber ein freies Zimmer gibt es für uns, 48 € mit Frühstück. Und so haben wir’s mal wieder wie gewünscht: Hotel mit Seeblick …

Gasthaus zum Schwan

Wir sind in Masuren, das ist zunächst die Hauptsache, obwohl wir uns das mit reichlich Sonne bei milden Temperaturen gewünscht hatten. Die Wetterprognosen reichen hingegen über täglichen Regen bis Litauen und Temperatur deutlich unter 20°C nicht hinaus. Ist der Sommer schon vorüber? Lis ist der festen Überzeugung, dass. Und so trauen wir uns trotz aufreissendem Himmel nicht ohne zwei Jacken nach draussen.

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* RundEuropa 2019 (2), 8. Tag: Oderberg-Człuchów (Schlochau)

Samstag, 06.07.2019, 21:25:08 :: Człuchów (Schlochau), Hotel Nad Jeziorem

Nach dem letzten gemeinsamen Morgenkaffee, den Johanna immer vorbereitet hat, gehen wir für das Frühstück und den Fahrtproviat einkaufen. Die Fleischerei schneidet uns ein ganze Rehsalami auf, ich hole beim Bäcker die Brötchen und werfe einen letzten Blick zurück in die Hauptstrasse …

… und auf den Rosenbusch am Rathaus, der diese eigenartig roten Blüten hervorbringt.

Und während des Frühstücks fällt mit ein, dass ich doch endlich diesen Balken, auf dem der Sailer einst die Meterangaben für seine Seile aufgemalt hat, fotografiere; all die letzten Tage hatte ich das immer wieder vergessen.

Nachdem ich das Senfle vom Parkplatz geholt, das letzte Gepäck und die Souvenirs verstaut sind, geht’s los nach Osten, zunächst über die Oderbrücke in Hohenwutzen nach Polen, vorbei am schon bekannten kilometerlangen Polenmarkt. Diesmal erwischt Lis auch das Weltkriegsdenkmal Alm Strassenrand.

Der vorhergesagte Regen macht uns Sorgen, er hält sich aber die ganze Zeit sehr in Grenzen. Fotowetter ist dennoch nicht. Aber man kann nicht alles haben. Nach den heissen Tagen zuvor ist das Wetter zumindest für mich wie eine Wohltat …

Wir sind ja schon so oft durch Polen gefahren, dass es schwer fällt, noch eine Route auf Nebenstrassen zu finden, die einerseits eben wenig befahren sind aber dennoch ein einigermassen zügiges Fahren durch viele Dörfer und Städtchen ermöglicht. Dieser nördliche Teil Polens ist Landwirtschaft pur, nur zuweilen unterbrochen durch frische und wuchernde Wälder. Flach ist es auch, wie das Höhenprofil zeigt: Auf gerade mal knapp 190 Meter kamen wir.

Wir fahren durch endlose Weizenfelder, teils schon geschnitten, Rüben und Mais, der aber ziemlich kümmert – ihm fehlt der Regen. Vor einigen Jahren ging nahezu die gesamte Maisernte in Polen verloren – es war entsetzlich, als wir aus Litauen zurück fuhren und nur grau-gelbe verdorrte Felder sahen.

Immer wieder überraschen uns Bauwerke aus der Zeit, in die wir nicht nur dadurch immer wieder eintauchen: Es waren deutsche Siedlungen, Dörfer, Städte – meist mit langer Geschichte und Tradition, mit der man eben dann konfrontiert wird, wenn man unvermittelt darauf zu fährt. Kriege, Eroberungen, Geschacher und Heiraten und immer wieder die Kreuzritterorden, Bischöfe, der Papst …

Kirchen und Alleen …

… begeistern uns auf dieser Strecke immer wieder, Vielfalt, Wucht, geduckte Einfachheit. Die Linden aber, der Allee-Baum schlechthin, sie stehen überall wuchtig im Wind.

Umleitungen …

… sind häufig zu finden und immer wieder eine Herausforderung, zwingen sie einen selbst und das Navi, die Realität anders zu sehen, als sie kurz zuvor schien: Die Beschilderungen und Anleitungen sind nicht immer derart präzise …

Wir finden in Człuchów (Schlochau) das Hotel Nad Jeziorem für 43€ mit Frühstück. Zum Abendessen haben wir Mixed Pickles und russische Eier und einen Ein-Liter-Krug Saft, alles zusammen für 6 €.

Es ist sehr kühl trotzdem machen wir einen kurzen Spaziergang hinunter an den See, wo die Schlosskirche der alten Burg herüber grüsst. Die ist dann morgen dran.

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