* Rund Europa 2016 (3), 33. Tag: Agiannis – Kamena Vourla

Freitag, 23.09.2016, 17:20:34 :: Kamena Vourla, Hotel Akropol

Pannen am Morgen

Es ist Ende der Saison, das wissen wir. Und das verstehen wir auch. Ich trabe noch schlaftrunken zum Schwimmbecken um – rechtzeitig! – festzustellen, dass das Wasser schon abgelassen ist. Ok.

Dass wir dann aber fast zwei Stunden vor dem verschlossenen Restaurant sitzen müssen, das ist nun wirklich doof. Nikos hat den Reisepass von Lis, wir haben noch nicht bezahlt und kein Frühstück… Dass wir den restlichen Choriatiki von gestern Abend im Kühlschrank konserviert haben, ist nur ein lauer Ersatz für Kaffee und frisches Brot.

Die anderen Gäste im Hotelbau, fast alles Bulgaren, schlafen noch, die Dauercamper sowieso. Wir verstehen, dass ausser uns niemand den Wirt braucht, morgens um Acht.

Schliesslich schreiben wir einen Zettel, wo er anrufen soll in Naxos und hängen den mit Schlüssel an die Türe.

In dem Moment, wo wir einsteigen und losfahren wollen, kommt Nikos angefahren – geknickt und fast untröstlich. Wir zahlen, Lis sackt ihren Pass ein und los geht’s.

Irgendwie wollen wir nach Hause

Nach Sightseeing ist uns nicht mehr zu Mute auf dieser Strecke. Die Autobahn soll uns so schnell wie möglich zu unserem Letzten Etappenpunkt vor Piräus bringen. Dabei gäbe es so manches, einiges davon kennen wir: Die Meteorklöster, die Thermopylen

Aber so einfach ist das nicht mit »einfach Durchblättern«. Und obendrein präsentiert sich heute Morgen der Olymp zum ersten mal ohne Wolken für uns.

Und die eine oder andere Schlucht gibt’s dann doch zu bewundern, den ersten Blick auf’s Meer, auf die Bucht von Volos und später den auf den Golf von Euböa; leider alles im Dunst.

Ja, und dann eben die diversen Baustellen und Umleitungen, dazwischen Mautstellen in grosser Zahl. Fast zwanzig Euro lassen wir da in Kleckerbeträgen.

Aber dann sind wir da.

Kamena Vourla

Ees ist ein kleiner Touristenort gegenüber der Nordspitze von Euböa und schon im Golf von Euböa, ein Ferienort vor allem für Griechen.

Euböa hat übrigens was, was sonst niemand hat:

Die Insel ist über zwei Brücken mit dem Festland verbunden; eine davon überbrückt die mit nur 40 Metern schmalste Meerenge der Welt.

Quelle: Wikipedia

Nebenbei und der Vollständigkeit halber: Die andere, eine Hängebrücke, überspannt 170 Meter Meerenge.

Kamena Vourla, das ist Meer, Restaurant- und Cafézeile, Strasse, Hotels und Kneipen. Aber jetzt, Ende September, ist es der Ort auch für uns wert, dass wir hier absteigen, es ist sozusagen das Sprungbrett nach Athen und Piräus morgen früh. Wir überlegen beim ersten Schmaus: Es ist ebenfalls das vierte Mal, dass wir hier absteigen.

Die Fähre geht morgen um 17.25 Uhr (wenn sie geht!), also bleibt genügend Zeit für die restlichen 182 Kilometer. Dort werden wir Ioanna treffen, die mit derselben Fähre nachhause fährt. Also werden wir Gesellschaft habe und Zeit, zu erzählen, was so die letzten sechs Monate passiert ist – auf unserer Reise und auf Naxos.

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* Rund Europa 2016 (3), 30. – 31. Tag: Kazanlak – Goze Deltschev

Dienstag, 20.09.2016, 22:05:33 :: Goze Deltschev (Goce Delcev), Hotel Baroto
Mittwoch, 21.09.2016, 15:34:47 :: Goze Deltschev (Goce Delcev)

Nur noch zwanzig Kilometer trennen uns von Griechenland – Der Kreis beginnt sich zu schliessen.

Wir sind also wieder hier gelandet, im letzen grösseren Ort vor der Grenze nach Griechenland. Es scheint da einen Vier-Jahres-Rhythmus zu geben: 2008 waren wir hier eher zufällig nach einer mehr als abenteuerlichen Tour nach Kovachevitsa (englisch und französisch) gelandet und fanden es hier so schön, dass wir das Hotel 2012 gleich direkt wieder angesteuert haben.

Und dieses Jahr war es keine Frage, dass wir wieder hier vorbei schauen würden – zu schön ist es, als einige Gäste das Haus zu bewohnen und das Schwimmbecken zu nutzen. Obwohl: es ist seit gestern ziemlich kühl geworden, Wolken ziehen aus dem Westen auf und bringen den einen oder anderen Tropfen Regen.

Morgen in Kazanlak

Ok., aber beginnen wir vielleicht doch besser am Morgen in Kazanlak, wo wir bei einem deftigen Frühstück auf der Terrasse direkt am Rande des zentralen Platzes der Stadt kauend und beobachtend feststellen, dass wir offenbar Griechenland näher rücken: Das Leben auf den Strassen und Plätzen, das miteinander Essen und Diskutieren rund um uns her, es hat einen völlig anderen Charakter als an den Tagen vorher. Es wird endlich lockerer…

Lis macht einen Rundgang über den Platz, wo auf Schautafeln die nationale Selbstdarstellung und Aufarbeitung dargestellt ist.

Es ist nicht leicht – trotz englischer Texte – zu erkennen, was nationale Selbstverherrlichung und was Aufarbeitung einer bombastischen kommunistischen Vergangenheit und was nationaler Stolz auf den Freiheitskampf im 19. Jahrhundert ist. Wir passierten gestern ja das Balkangebirge über den Schipka-Pass, wo wir von Monumenten der bulgarischen Eigensicht schier erschlagen wurden. Hier nun auf dem Platz wird einiges darüber klarer.

Mir wir jedenfalls klar, dass – wenn diese Sicht common sense ist, es schwierig ist für Bulgarien, sich in eine EU einzugliedern, die einem Verfahrens- und Verhaltensweisen vorschreibt; zu lange waren sie unter osmanischer und dann sog. kommunistischer Herrschaft davon betroffen, nicht frei entscheiden zu können. Und das gilt ganz bestimmt für alle Länder Ost- und Südosteuropas – auch für Griechenland, das seit seiner Befreiung immer von aussen gesteuert wurde, bis heute. Ein Gutteil der Schwierigkeiten des Integrationsprozesses dieser Länder mag davon rühren – endlich frei und jetzt schon wieder anpassen?

Auf in die Rhodopen

Den weiteren Weg nach Süden versperren die letzten Reste des Balkangebirges und nach langer und langweiliger Fahrt durch die bulgarische Tiefebene die letzte Barriere, die Rhodopen.

Wir haben uns vorgenommen, heute die Strecke zu fahren, die uns vor vier Jahren wegen völliger Sperrung des Passes verwehrt worden war; wir mussten umkehren und ein grosse Schleifen fahren um ans Ziel zu gelangen. Unser Navi beharrt darauf, dass die Passage diesmal gelingen sollte.

Pasardschik

Und so ist es: Wir folgen kurz nach Pasardschik auf hervorragender Strasse der Schmalspurbahn hinein in die Rhodopen, wo die Passtrasse auf über 1.400 Meter ansteigt.

Tagesprofil

Nur einmal werden wir durch Gleisverlegungsarbeiten für zwanzig Minuten aufgehalten.

Ansonsten geniessen wir die geruhsame Fahrt durch das enge Flusstal mit dem rauschen Flüsschen, den Wäldern, die teilweise schon herbstliche Färbung zeigen, den Felsen und Felsnadeln und später die Fahrt über die Hochebene mit den ersten Moscheen und orthodoxen Kirchlein, die schon sehr an die nordgriechischen erinnern.

Es erstaunt uns immer wieder aufs Neue, wenn wir das langsame Ineinanderfliessen der Kulturen so vor Augen geführt bekommen, meist über Tage – so wie auf der Fahrt von Reni nach Rasgrad (Bericht steht noch aus…) vor wenigen Tagen, aber auch wie hier im Süden von Bulgarien innerhalb von Stunden: Kleine Dörfer mit gleich zwei Moscheen, Dörfer mit dem Neubau einer orthodoxen Kirche, der Wechsel von osmanischer, Wiedergeburts- und griechischer Baukultur.

Und dann der Rohbau in…

…Goze Deltschev

Und heute Morgen dann die Fahrt in das Städtchen, kümmerlich, aber belebt, zweisprachig, südländisches, ja griechisches Flair: Eine Verwandlung über nicht einmal hundert Kilometer.

Und morgen geht es dann weiter Richtung Thessaloniki, Thermopylen und Piräus…

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* Rund Europa 2016 (3), 27. Tag: Kilija – Reni

Samstag, 17.09.2016, 21:57:54 :: Reni, Hotel »Hutorok«

Das war heute die letzte Etappe durch den Ukrainischen Teil des Donaudeltas, so dicht am Wasser wie möglich. »Möglich« ist dabei relativ, manche mögen sagen, dass es unmöglich ist. Jedoch: Anders bekommt man die Siedlungen, die Landschaft, die Seen und Sümpfe nicht zu Gesicht.

Und so haben wir uns den dritten Tage über ehemalige Strassen gequält – allerdings die einzigen überhaupt mit dem Auto benutzbaren Verbindungswege –, wir uns und vor allem das Senfle, das oft gequält ächzt als wollte es jetzt auseinanderbrechen. Der guten Ordnung halber und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ab Ismajil gibt es grosse Abschnitte, die ohne weiteres als Stassen durchgehen können, auch wenn hier und da doch unverhofft und ohne irgendeinen Hinweis tiefe Schlaglöcher einen abrupt ausbremsen oder einen das Steuer voller Schrecken im letzten Moment noch herumreissen lassen – allerdings gelingt das nicht immer.

Jedenfalls: Das Senfle hat alles ohne erkennbare Schäden überstanden.

Positiv denken!

Lassen wir das und wenden wir uns den Eindrücken zu, die trotz höchster Konzentration dennoch möglich sind, spätestens dann, wenn man vor einer Schlaglochkombination stehen bleiben muss, die so einfach nicht zu überwinden ist. Dann wirft mann doch einen Blick in die Weite: Schilf, riesige Ackerflächen mit Getreide, Sonnenblumen, Mais, teils auch schon abgeerntet. Seen ohne fernes Ufer, Teiche, Tümpel, Kanäle.

Alte Wehre, Pumpstationen – ihre Betriebsbereitschaft verraten sie meist nicht.

Oder das Frühstück auf einem Deich, absolute Stille, nur ab und zu die Möven, die auf dem Gebälk des Wehrs sitzen und uns beobachten. Kommt man ihnen zu nah, entschweben sie träge aber hörbar verärgert.

Der letzte Struvepunkt

Der war unser heutiges eigentliches Ziel: Der letzte Messpunkt des Struwebogens liegt westlich von Ismail im Dorf Stari Nekrasivka irgendwo in den Gärten und ist damit unzugänglich. Der Gedenkstein steht an der Dorfstrasse, ca. 120 Meter vom Messpunkt entfernt, weshalb wir zunächst daran vorbei geirrt sind.

Über die anderen Punkte in Litauen, Moldawien und der nördlicheren Westukraine werde ich noch berichten. Wir haben sie jetzt alle »gesammelt«.

Internet

Die Internetverbindungen in den Unterkünften versagen oft den Dienst, spätestens, wenn Bilder hochzuladen wären. Heute scheint es zu klappen, daher kommt auch wieder ein Bericht. In diesen ländlichen Gebieten ist es wie in Deutschland auch: Das Interesse der Telekom-Gesellschaften ist gering, der Verbindungen schlecht und unregelmässig; kennen wir ja auch von Galanado.

Wie weiter?

Morgen geht es quer durch Rumänien nach Süden – wieder bis an die Donau, wo wir dann nach Bulgarien übersetzen. Mal sehen, wie weit wir kommen.

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* Rund Europa 2016 (3), 23. Tag: Purcari (Ruhetag)

Dienstag, 13.09.2016, 22:25:59 :: Purcari, Château Purcari

Ich kann mich heute kurz fassen: Wir haben eine Pause eingelegt, damit erstens mein Bein noch etwas Schonung erfahren sollte und ich zweitens Ordnung in die Reiseberichterstattung und die Bilderflut bringen kann. Beides ist nicht so recht gelungen, u.a. weil das mangelhafte Internet (auch hier in diesem »Château«, das wir vor fast genau sechs Jahren zum ersten Mal beehrt haben!), nicht das hergab, was ich von ihm erwarten musste.

So nur der Hinweis, dass sich seit damals wenig geändert hat. Gut, die Pfauen sind dahin gegangen, nur ein Weibchen fristet noch abseits alleine mit einem Spiegel seinem Ende entgegen. Ihr könnt also getrost den Beitrag von damals lesen und seid damit so gut wie up to date.

😉

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* Rund Europa 2016 (3), 9. – 17. Tag: Chmelnitsyi

Montag, 29.08.2016 :: Chmelnitsyi, Hotel Eneïda
Mittwoch, 07.09.2016, 14:13:42 :: Hotel Eneïda
Donnerstag, 08.09.2016, 23:08:45 :: Hotel Eneïda

Es war zweifellos Glück im Unglück, dass wir gestern Abend entschieden hatten, noch einen Tag länger zu bleiben: Unser Freund hing mit einer Art Sommergrippe herum, die er sich wohl bei seinem Töchterchen eingefangen hatte, ein Wiedersehen und Zusammensitzen war so irgendwie sehr kurz und ein bisschen quälend.

Das Hotel ist dasselbe wie all die Jahre, die wir seit 2006 hierher kommen. Die Räume grosszügig, ein 2-teiliges Appartement mit allem Schnickschnack – nur mittlerweile ohne Frühstück; hat sich wohl nicht gelohnt… Ja, und das ganze für 22 € pro Nacht zu zweit. Frühstück gibt’s ab 9 Uhr früh direkt vor dem Eingang im Café Lemon – zwei grosse Omelett und vier Cappuccino für knapp 5€. Ja, überhaupt: Die Preise sind hier generell für Westler nichts, worüber man sich Gedanken machen müsste. Das gilt in gleicher Weise auch für wirklich edle, gemütliche Lokale mit hervorragender Küche.

Abends treffen wir uns dann in einem dieser Lokale, im »Restaurant Spiegel«, ein Muss für jeden Besucher. Es verspritzt den Charme der k.u.k.-Zeit inklusive passender Musik, kombiniert mit hervorragenden Speisen zu den erwähnten Preisen. Das Haus macht einen fast unwirklichen Eindruck auf mich; es soll über hundert Jahre alt sein, stammt also gewiss nicht aus der Epoche der »sozialistischen Backsteinromanik«.

Soweit ist also alles bestens, als wir zu Bett gehen, auch die Klimaanlage hat für die angenehmen 21°C gesorgt.

Bis…

…ich irgendwann in der Nacht mit irren Schmerzen im rechten Bein aufwache. Ums kurz zu machen: Ein Erysipel, eine Wundrose, wie schon im Sommer 2000, dieselbe Stelle.

Im Laufe des Tages kommt auch das Fieber samt allgemeiner Gliederschmerzen. Das bedeutet, dass ich einen Arzt brauche.

Abends führt und Viktor dann in die Notaufnahme des Hospitals und findet Ärzte, die konstatieren, was ich wusste: Erysipel, Antibiotika, Schmerzmittel, Antihistaminikum. Das besorgen wir auch gleich; Apotheken haben eigentlich immer offen, die Medikamente bekommt man auf Zuruf zu einem Spottpreis. Ich habe aber immerhin ein »Rezept«.

Die Konsultation, ja selbst eine Behandlung mit UV-Licht, deren Sinn sich uns zwar nicht erschliesst, der ich mich aber zweimal unterziehe, sind kostenlos – auch für Ausländer.

Und so liege ich im Wesentlichen mehrere Tage im Bett, Beine hoch, Fieberthermometer im Mundwinkel, schlucke brav mein Antibiotikum und warte.

In den letzten Tagen änderte sich das Schmerzverhalten völlig: Nach nur wenigen Schritten wich die Höllenqual einem schmerzfreien Zustand, so dass wir morgens zum Frühstück und abends zum Abendessen durch den Park spazieren konnten.

Wären die Schmerzen nicht…

…wären diese Tage ein wunderschöner Aufenthalt. Der Park, die Cafés und Restaurants, das Leben vor dem Hotel – es ist schön hier.

Ja, und am 1. September fängt natürlich der Schulbetrieb an. Das gibt auch für die private Universität, die sich direkt vor und neben dem Hotel befindet.

Mit Riesenpomp, Hand-aufs-Herz und Nationalhymne, Kranzniederlegung für die Kämpfer für Weiss-ich-nicht-was findet die Einschreibung statt. Es hat schon ein sehr nationalistisches Gepräge, das Ganze…

Chmelnytskyi

Die Stadt lädt natürlich auch zum Studium ein, wenn man ans Zimmer oder gar ans Bett gefesselt ist.

So finde ich unseren schwäbischen Pfarrer und SchriftstellerAlbrecht Goesmit einer Erzählung Unruhige Nacht, die sogar verfilmt wurde und die zum grossen Teil hier in – damals noch – Proskurow spielt.

Und da ist noch Alexander Iwanowitsch Kuprin, dessen Roman Das Duell hier spielt.

Von den realen Gräueln sowohl in sowjetischer aber vor allem der Zeit der deutschen Besatzung will ich hier gar nicht anfangen – um 1900 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung knapp 50%…

Die Ukraine lag und liegt immer zwischen den Interessengebieten Westeuropas und Russlands, ein Thema das uns so manchen Abend in vielerlei Hinsicht beschäftigt. Der Krieg im Osten ist zwar weit weg, im Bewusstsein aller hier spielt er doch eine Rolle; »technical war«, wie ihn Viktor nennt.

Das tägliche Leben…

…wie es morgens beim Frühstück an uns vorbei hastet, das Leben im Park, wo vor allem Mütter und Grossmütter ihren Kindern beziehungsweise Enkeln Unterhaltung auf Schaukeln, Hüpfburgen und in kleinem Elektroautos bieten – alles schaut so normal aus.

Nur die ungewöhnliche Ansammlung von SUVs fast jeder Marke vor den netten Cafés und ihrer meist völlig verfetteten Besitzer, die dort grossurig verkehren, sie zeugen von den scharfen Gegensätzen, die man so nur erfährt, wenn man mehrere Tage blibtb und schaut.

Ich werde diesen Beitrag noch reichlich mit Bilder versehen, sitze aber schon wieder viel zu lange, statt zu liegen…

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Von ihrer Hände Arbeit

Donnerstag, 08.09.2016, 17:22:42 :: Chmelnitskyi (immer noch!)

Jörg Dauscher, der uns dieses Jahr entweder vorweg oder hinterer fährt (oder wir ihm – wie man’s nimmt) hat eine ukrainische Dorfidylle in seinen Reiseblag gestellt, den man gelesen haben muss, um zu verstehen; vorausgesetzt, man will.

Es sind diese Dörfer, die wir nach Möglichkeit immer langsam durchfahren, so es eine befahrbare Strasse gibt. In denen wir aber nie leben. Es gibt zwar Ausnahmen, die sind aber leider selten.

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* Rund Europa 2016 (3), 5. Tag: Ternopil (Ruhetag)

Freitag, 26.08.2016, 10:14:26 :: Ternopil, Ukraine :: Hotel Ternopil

Wir haben bereits zum zweiten mal den Reiseplan geändert und gestern Abend bei Apfelsaft und sanftem Cappuccino beschlossen, einen weiteren Tag in Ternopil zu bleiben.

Es ist mittlerweile heiss, das Internet ist recht ordentlich und die Preise im Keller – natürlich nur für unsere Verhältnisse.

Die Stadt Ternopil hat viele Namen, man ist verwirrt: Aus »Terno«, »Tarno«, »pil« und »pol« kann man sich basteln, wozu man Lust hat, es passt (fast) alles – nur »Tarnopil« geht nicht. Das Gewurschtel wird verständlich, wenn man die Geschichte Ternopils betrachtet: Galizien war schon immer ein Gebiet ständig wechselnder Herrschaft.

Ternopil (ukrainisch Тернопіль; polnisch und deutsch Tarnopol, russisch Тернополь/Ternopol) ist eine Stadt im Westen der Ukraine und Hauptstadt der Oblast Ternopil, früher in der gleichnamigen polnischen Woiwodschaft, die bis zum 17. September 1939 existierte.

Ternopil ist eine der drei wichtigsten Städte Ostgaliziens, liegt 132 km östlich von Lemberg und hat rund 250.000 Einwohner. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts lebten sehr viele Juden, Polen und Deutsche in der Stadt. Ternopil ist ein Wallfahrtsort.

Quelle: Wikipedia, Ternopil

Was uns schon mal gefällt: Stadt und Hotel liegen am Ternopiler See, der sich durch Aufstau des Seret bildet; selbst das Ternopiler Schloss befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Zwischen Hotel und Schloss geht eine stattliche aber stark renovierungsbedürftige Freitreppe hinab zum See und zu einer langen und breiten Promenade, auf der sich die Bevölkerung tummelt: Mütter mit Kindern, Jugendliche und ältere (alte) Herrschaften. Gut, an die Freitreppe von Odessa – das war fast auf den Tag vor sechs Jahren – kommt sie nicht heran, aber trotzdem.

Ternopil, 2016-08-25 nach Sonnenuntergang

2016-08-26 Ternopil bei Sonnenuntergang

Odessa, 2010-08-27

Am 24. August war Nationalfeiertag, daher gibt es überall und eben auch auf der Promenade, vielerlei Aktivitäten. Wobei »vielerlei« eben ukrainisch interpretiert werden muss – mit einem durchkommerzialisierte deutschen Weinfest können die Aktivitäten hier nicht konkurrieren. Müssen sie auch nicht, denn der Jugend reicht eine gemeinsame Pizza und eine Decke, um sich auf dem völlig vertrocknenden Resten eines ehemaligen Rasens zu vergnügen.

Jedenfalls ist Ternopil noch gerade überschaubar genug, um nicht zu fliehen. Lis hat sich zu einem Morgenspaziergang hinaus gewagt in die mittägliche Hitze, während ich hier sitze und schreibe.

Ich denke dabei wieder an die unentwegte Ballerei auf dem Schiesstand in den Wälder westlich Raudondvaris – wesentlich mehr als alle Jahre zuvor – und an die vielen Lastwagen ohne Kennzeichen und Aufschriften unterwegs in Skandinavien und den Baltischen Ländern, an die Panzer auf der Fähre von Helsinki nach Tallinn – Kriegsvorbereitungen an allen Ecken in Europa.

Auf das Bild klicken für Video

Und wer in diesen Tagen durch die Westukraine fährt, dem bleibt auch die dickbackige Demonstration der Nationalisten in der Ukraine nicht verborgen.

Eben, kurz vor 12 Uhr fuhr ein langer Autokorso mit Fahnen und Hupen am Hotel vorbei, eskortiert durch Polizeifahrzeuge…

Wenn wir doch eine aufgeklärte Öffentlichkeit hätten. »Putin böse, Amerika gut« höre ich noch Freunde in Litauen sagen. Ich könnte den Satz umkehren und er wäre dann genauso falsch.

Apple in Ternopil

Lis kommt gut durchgewärmt von ihrem Stadtbummel zurück, den wir dann am Abend wiederholen. Sie hat zwei »Apple Shops« entdeckt, in denen es iPad-Hüllen gibt, die in Deutschland niemand mehr anbietet; zum halben Preis gibt es sie hier. Mehr über die Stadt irgendwann.

Seret und Dnister

Quelle: Wikipedia, Dnister

Der Dnister wird uns noch eine ganze Weile begegnen, bis wir uns unten in der Ukraine bei Bilhorod-Dnistrowskyj von ihm verabschieden werden. Da werden wir Moldawien bereits wieder verlassen haben.

Dabei stelle ich fest, dass die Beiträge von 2010 über Bilhorod-Dnistrowskyj noch gar nicht fertig sind, über die Riesenfestung, die wir übersehen hatten. Lediglich die Fahrt von Moldawien nach Odessa kann man nachvollziehen. An diesem Tag standen wir an deren Mauern und haben es nicht gemerkt… Stoff für noch viele Beiträge.

Morgen früh geht es dann weiter nach Chmelnyzkyj zu unseren Freunden. Wir sind gespannt, was sie uns zu berichten haben.

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* Rund Europa 2016 (3), 2. Tag: Augustow – Biała Podlaska

Dienstag, 23.08.2016, 22:01:28 :: Biała Podlaska, Hotel Delfin
Dienstag, 13.09.2016, 12:47:04 :: Purcari

Ansich ist auch dieser zweite Tag eher Routine: Es gibt nicht mehr viele Strecken entlang der Ostgrenze von Polen, wenn man hier seit Jahren immer wieder gefahren ist. Und die Hauptstrecke nach Bialystok, die nehmen wir nun ganz bestimmt nicht.

Aber abwarten…

Zunächst scheint erst mal die Sonne wieder am nächsten Morgen, das ist ja schon mal was.

Nach dem reichlichen Frühstück inmitten der aufgeregten Kinderschar machen wir uns auf den Weg nach Süden und wählen die Strassen, die am dichtesten der Grenze zu Belarus folgen. Hier oben gibt es tatsächlich (mittlerweile?) noch eine, auf der wir bisher noch nicht entlang gefahren sind.

Wir fahren zunächst durch dichte Wälder, hier war die Holzressource des Zaren, als er die Kanäle um Augustów bauen liess.

Später weitet sich das Land zu angezogenen Wellen aus Acker- und Brachland, Blick zuweilen bis zum Horizont.

Hier mal ein Überblick, worüber ich rede: Wir fahren doch Podlachien, dich an der weissrussischen Grenze.

In Lipsk treffen wir auf die erste stattliche Kirche. Es ist ein neogotisches Exemplar aus dem Jahr 1906, also ein eher jungen Bau. Dennoch beeindruckt sie uns.

Ja, Kirchen in Polen. Hier oben im Osten ist alles »stockkatholisch«, also römisch-katholisch. Man stösst in jedem Dorf, an fast jeder Wegkreuzung auf einen Marinealtar oder zumindest ein Wegkreuz mit bunten Bändern.

Und eben auf die entsprechenden Kirchen. Das Dorf mag noch so traurig entlang der Strasse und im Hinterland verstreut da liegen – eine Kirche muss sein.

Wenn das Geld ausgeht, steht sie eben im Rohbau, ab man sieht, dass man sich müht…

Das wird dann im weiter südlichen Teil anders, wie wir noch sehen werden. Denn weiter nach Süden verlieren sich Wegkreuze und Marienaltare fast ganz und weichen nahezu ausschließlich orthodoxen Kirchen um dann aber ungefähr am Dreiländereck Polen-Belarus-Ukraine massiv wieder aufzutauchen.

Ein Tartarendorf

Und wer würde hier in Podlachien vermuten, auf ein tatarisches Dorf mit Moschee und Friedhof zu stossen? Das passiert einem zum Beispiel in Kruszyniany, knappe vier Kilometer von der weissrussischen Grenze entfernt: Ein alter Hof mit einem Gewirr von Häuschen, Gängen, Veranden, Treppen, Stiegen. Und ein paar hundert Meter weiter gelegenen eben einer hölzernen grünen Moschee aus dem 18. Jahrhundert.

Es sind schiitische Tataren, die hier immer noch als Minderheit ansässig sind. Diese ursprünglichen Lipka-Tartaren beziehungsweise ihre Nachfahren finden sich auch in Litauen, besonders auch in Trakai. Ihre Ansiedlung erfolgte im 14. Jahrhundert im Grossfürstentum Litauen, das ja einmal vom Schwarzen Meer bis an die Ostsee reichte.

Quelle: Wikipedia

Zur Besichtigung des Inneren der Moschee herrscht reger Andrang, so dass wir nach kurzem Warten darauf verzichten und weiterfahren.

Nun wird es orthodox

Die nächste Kirche finden wir in Michałowo, schöne Holzkirche. Es gab hier wohl auch einmal eine deutsche Kirche, nach der wir aber nicht gesucht haben, weil wir von ihr nicht wussten. Ihre Ruine wäre wohl zu finden gewesen.

Hier ist also in etwa der Übergang vom römisch-katholischen zum orthodoxen Gebiet, das das weiter südlich sich eher auf der ukrainischen Seite fortsetzt, denn nach einer Strecke mit nur orthodoxen Kirchen tauchen später wieder Marienaltare und Wegkreuze auf.

In der Gegend um Hajnówka treffen wir auf mehrere der sehr häufig anzutreffenden Neubauten orthodoxer Kirchen. Die meisten Bewohner hier sind Weissrussen und orthodox.

Mit dem Überqueren des Bug wechseln wir von Podlachien nach Masowien und später nach Lublin (Karte w.o.).

Nach etwas öde werdender Fahrt haben wir’s dann geschafft.

Und damit erreichen wir bald auch unser Tagesziel Biała Podlaska, wo wir im schon gewohnten Hotel Delfin einziehen; diesmal ist wieder ein Zimmer frei, trotz Reisegruppen.

Buchweizen

Ich esse an diesem Abend zum ersten mal aus Neugierde Buchweizengrütze zum Gulasch. Buchweizen. Der wird hier immer wieder grossflächig angebaut, in Litauen, in Polen, in der Ukraine. Wo wir dabei sind: Mais in grossem Umfang, Tabak, Bohnen, Baum- und Beerenstrauchkulturen begegnen uns, Sojabohnen sowieso.

Und als Bonus für’s Aufessen kommt uns dann noch ein Heislussftballon entgegen geschwebt, der, dem Brenner sei’s gedankt, rechtzeitig so rasch an Höhe gewinnt, dass er nicht im Restaurant landet.

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* Rund Europa 2016 (3), 1. Tag: Raudondvaris – Augustów

Montag, 22.08.2016, 21:57:06 :: Augustow, Hotel Karmel
Sonntag, 28.08.2016, 16:02:07 :: Khmelnitskyi

Iirgendwann muss man ja wieder packen und losziehen. Das hat reisen so an sich. Und Mitte September wieder auf Naxos zu sein und den Sommer ohne Touristen zu geniessen hat ja auch was.

Dass ich nun nicht falsch verstanden werde: Nichts gegen Touristen. Ein Land, das vom Tourismus lebt, soll so viele davon abbekommen, wie möglich. Keine Frage. Aber zuweilen sollte man sie sich eben aussuchen können. Wäre schön. Dass gerade wir Deutschen immer wieder auffallen müssen. Jedes Volk hat ja seine Eigenarten, das will ich gelten lassen und das erleben wir ja auch wieder auf unserer Rundreise durch über zwanzig Länder beziehungsweise autonome Regionen wieder, seit über 10 Jahren, und das macht das Reisen ja eben so interessant und abwechslungsreich.

Aber das nur am Rande.

Wir waren ja beim Packen und Losfahren. Dass in das Senfle mehr rein muss, als bei der Anfahrt drin war, daran habe ich mich gewöhnt. Das Auto schluck auch die letzte Tüte und Tasche widerstandslos. Nebenbei: Das Senfle hat neue Schuhe bekommen, sprich eine vollständig neue Bereifung.

Also ein letztes Mal getankt (der Liter mal gerade ein Euro) und Vilnius den Rücken gekehrt.

Ich habe es nun nicht durchgezählt, zum wievielten Mal wir Lebewohl sagen und dieselbe Strecke nach Südwesten nehmen – es ist einfach der schönste Weg, ohne LKW, ohne viel Verkehrsaufkommen, aber mit viel Wald und Seen – und Regen. Der ist sozusagen das polnische Begrüssungsgeschenk.

Zeppelinai

Vorher aber geniesst Lis ihre letzten , während ich mir damit irgendwie den Magen verderbe…

Durch Wald und Feld

Ich würde mich zu sehr wiederholen, würde ich diese Tagesetappe en détail beschreiben. Es ändert sich zu wenig; fast auf den Tag von 2 Jahren war die letzte Fahrt. Nur die Strassen werden schon wieder schlechter…

»Unser« See bei Varena

Augustow

Das zuvor heraus gesuchte Hotel erweist sich – zumindest an der Stelle, wo es am See liegen soll – als nicht existent. Dafür finden wir schnell das Hotel Karmel, wohl eher ein ehemaliges Jugendferienheim, aber tiptop.

Bis 22 Uhr kreischt und krakeelt die ausgelassene Jugend im zur Disco umfunktionierten Teil des Speisesaals. Ab da ist Ruhe im Karton.

Man muss betonen, dass Augustow für Polen ein ausgesprochener Ferienort ist: Augustow liegt am Wasser zwischen Seen und den sie verbindenden Kanälen, mit Ausflugsschiffchen, Ruder- und Tretbooten und einer Innenstadt voller Büdchen, Lokalen und vielen bunten Hüpfburgen und Luftballons. Erinnert mich an Międzyzdroje 2010 an der polnischen Ostsee.

Nur bei Regen sieht alles etwas trister aus, als es das tendenziell eh‘ schon ist. Ostpolen ist düster…

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Vorgeschmack

Donnerstag, 11.08.2016, 12:01:04 :: Raudondvaris

Es ist irgendwie witzig. Auf der zweiten Etappe dieses Jahr reiste Jörg Dauscher uns quasi hinterher, in Schweden und Finnland.

Jetzt hat er uns gewissermassen überholt und beschreibt wie immer sehr treffend den
Kleinen Grenzverkehr zwischen Polen und der Ukraine, der uns in genau zwei Wochen bevorsteht.

Allerdings haben uns die Grenzer in den vergangenen Jahren immer anstandslos und ohne Auspacken passieren lassen. Das Senfle ist eben kein Omnibus. Aber die Wartezeit in der Schlange, die werden wir trotzdem »geniessen«…

Links:

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