Pírgos Bellonia und die Kirche Agios Ioannis

Sonntag, 07.01.2018, 23:03:37 :: Galanado

Hier auf Naxos ist der Frühling ausgebrochen. Es ist grün, mild, sonnig. Es blüht. Und die Feste jagen sich. Heute zum Beispiel ist Namenstag einer Kirche oberhalb von Galanado, auf die wir seit drei Jahrzehnten neugierig waren: Die Doppelkirche beim Pírgos Bellonia.

Ein Pírgos ist ein venezianischer Wohnturm. Von diesen gibt es auf Naxos viele, allerdings in unterschiedlichem baulichen Zustand. Die Ägäischen Inseln mit Hauptsitz Naxos waren über 300 Jahre Venezianisches Herzogtum. Und noch ein paar Wort zu den Festen zum Namenstag des Namensgebers der Kirchen. Sie beginnen stets mit der Liturgie, der mehr oder weniger andächtig gelauscht wird. Da bei den kleinen Kirchen nicht alle im Kirchenraum Platz finden, stehen die meisten draussen und unterhalten sich. Zuweilen tauschen sie die Plätze ausserhalb mit einem in der Kirche. Und die Kinder tollen vorzugsweise draussen herum, immer wieder liebevoll von Eltern oder Grosseltern ermahnt …

Mit dem nahende Ende der Liturgie beginnen insbesondere die Frauen mit dem Auspacken des mitgebrachten Essens, denn hernach wird es gemütlich: Es gibt deftige Fleischteile, Käse, Wein und was so gebacken wurde. Derweil rennen immer mehr Kinder mit einem grossen Stück des mittlerweile geweihten Weissbrots herum, das nach einer kleinen Weile alle in Händen halten. Mit Ende der Liturgie strömen alle zum Essen, dem sich auch der Pfarrer anschliesst, nachdem er ein paar Worte mit mir gewechselt, einige Fotos mit seinem Handy gemacht hat – er kennt wohl mich aber diese Kirche offensichtlich auch nicht – und ein wichtiges Telefonat geführt hat.

Aber zurück zum Pírgos und der Kirche selbst. Das Ensemble besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Die Kirche Agios Ioannis stammt aus dem 13. Jahrhundert, der Pírgos wurde um 1600 daneben errichtet. Das jedenfalls berichtet uns Naxos.net als eine der kargen Quellen. Beide liegen heute in einem grossen Garten rund um Pírgos und Kapelle an der schon lange asphaltierten Strasse nach Tripodes.

Das Ganze sah 1984 so aus …

… und wurde im Reiseführer von Christian Ucke von 1984 so beschrieben:

Soweit ich mich erinnern kann, wurde der Pírgos Bellonia in den Neunzigerjahren renoviert und erhielt so seine heutige Gestalt.

Auch die Doppelkirche Agios Ioannis wurde instand gesetzt. Da sie heute Namenstag hat, haben wir Gelegenheit, Blicke in den Wohnturm und die Kirche zu werfen. Normalerweise sind wir auf den Festen zum Namenstag der Kirchen von Galanado (es sind mehr als zehn!) immer dabei, wenn wir es rechtzeitig von Popi, unserer Vermieterin, erfahren. Bei dieser nun war es heute das erste mal.

Mit den Doppelkirchen, deren es in der Ägäis, so auf Naxos – auch oben im Kastro – viele gibt, hat es eine einfache Bewandtnis: Die Venezianer brachten den römischen Katholizismus auf die orthodox geprägte Insel. Wenn ein Venezianer sich eine Naxiotin zum Weibe nahm, so beteten sie beide zwar in derselben Kirche aber er im linken Kirchenschiff und sie im rechten.

Die Orthodoxie hat aber in der Agios Ioannis heute eindeutig die Oberhand.


Die linke Seite katholisch, rechtes orthodox


Blumenumkränzt und mit seinem eigenen Kopf auf dem Teller: Johannes der Täufer

Der Innenraum ist weiss gestrichen, auch die einzige tragende Säule zwischen den Schiffen. Dadurch hat sie die Produktion von Stalaktiten und Stalagmiten einstellen müssen, ebenso kam die Tropfsteinbildung an den undichten Stellen an der Decke und an den Fenstern solcherart zum Stehen.

Aussen finden wir die Insignien der Crispis und den offenbar neu eingesetzten venezianischen Löwen; dazu gleich mehr.

So. Und jetzt wird es kompliziert. Ich werde mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass man die Platte mit dem Löwen hier irgendwo im Garten gefunden hätte und dass sie erst vor kurzem von kundiger Hand hier in die Wand eingesetzt wurde. Wer nun den Löwen hier mit dem in Uckes Beschreibung oben vergleicht, stellt fest, dass letzter seitenverkehrt ist. Das wäre noch verzeihlich. Aber Uckes Beschreibung stammt aus dem Jahre 1984. Wie also nun? Vielleicht kläre ich das irgendwann, jetzt bleibt offen, welche Bewandtnis es mit dem venezianischen Wappentier hat.

Ioannis wer?

Johannes, der Vorläufer und Täufer

Diese Frage ist bei Ioannis, zu Deutsch natürlich Johannes, immer zu stellen, denn es gibt mehrere. In diesem Fall handelt es sich um Johannes den Täufer, nicht um den Theologen beziehungsweise Jünger und Namensgeber des namensgleichen Teils im Neuen Testament. Der hat auf Naxos natürlich auch seine Heimatkirchen, zum Beispiel diese:


Das Kirchlein hat einen Anbau, der als Ölmühle diente


Der Innenraum trägt noch die alten Fresken

Sie steht in einem Olivenhain nördlich von Filoti. Aber ich schweife ab. Das geht fast immer so: Sobald man die erste Frage stellt, kommen immer neue hinzu. Kehren wir also zurück zu unserer Täuferkirche und dem Pírgos Bellonia.

Ein Blick in den Wohnturm …


Zum Obergeschoss geht es durch eine Falltüre


Im Wohnraum findet sich eine Sammlung schöner Keramik

… und in die Umgebung


Der Garten


Unterhalb des Gartens liegen Terrassen


Im Hintergrund immer die Insel Paros

Links:

  • Ορεινός Αξώτης liefert in einem Beitrag vom Juni 2017 weitere Erklärungen in Griechisch sowie einige interessante Bilder.
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6. Januar: Epiphanias

Samstag, 06.01.2018, 23:59:39 :: Galanado
Donnerstag, 11.01.2018, 21:32:12 :: Galanado

Den 6. Januar kennen wir in Deutschland vorzugsweise als »Dreikönig«, nicht nur wegen des traditionellen Dreikönigstreffens der FDP im Grossen Haus in Stuttgart. Aber die Sternsinger oder die eigentliche Bescherung der Kinder an diesem Tag wie in Spanien findet man hier nicht.

Die Griechische Orthodoxie feiert hingegen Epiphanias, die »Erscheinung des Herrn«. Dabei hat der Herr seit der hellenistischen Zeit in Ägypten, also Jahrhunderte vor Christi Geburt, bis ins vierte Jahrhundert ständig gewechselt: Vom Ägyptischen Sonnengott Aion über die Römischen Kaiser bis eben zu Jesus von Nazareth, den die (letztlich doch weltlichen) Herrscher in den christlichen Kirchen als den letztgültigen Herrn durchgesetzt hatten.

Mit der Feier der Taufe Christi ist auch eine Wasserweihe verbunden sowie das Zurückbringen des vom Priester ins Meer geworfene Kreuz. All das an den verschiedensten Orten, in den verschiedensten Varianten.

Moutsouna

Wir waren diesmal nicht im Hafen der Chora sondern im kleinen Fischerdorf Moutsouna auf der Ostseite der Insel. Es ist der letzte Hafen, von wo aus der Naxische Schmirgel verschifft wurde, davon künden mittlerweile fast nur noch die letzten Schienenstücke und die beiden Ladekräne auf der Pier.

In Moutsouna ist im Winter nun gar nichts los, was wir schätzen, denn wenn wir nachmittags dorthin zum Essen kommen, dann haben wir in aller Regel das einzige kleine Zimmer mit Kaminfeuer und drei Tischen ganz für uns alleine. Nicht so heute.

Als wir gegen 10.30 Uhr ankommen, liegt der Hafen verlassen, nur sehr wenige Menschen sitzen im Café am Ende der Mole. Aber innerhalb kurzer Zeit kommt ein Auto nach dem anderen, während auch wir uns einen Kaffee genehmigen.

Kinder beginnen freudig krakelend herumzurennen und werden von streng wachenden Eltern am Spielen im Sand gehindert, den die letzen Regenfälle abgeliefert haben.

Die Zwei hier sind spielend und malend ganz bei der Sache, auch wenn sie immer wieder einen interessierten Blick auf die anderen werfen.

Die Zeremonie beginnt

Irgendwann steht dann dieser Tisch mit dem grossen silberfarbenen Pokal draussen auf der Pier …

… und die mittlerweile stattliche Menschenmenge wandert dort hinaus, wo dann der Priester, dichtumringt von all den Menschen, den Pokal aus zwei mitgebrachten Platikflaschen mit Wasser füllt, seine Liturgiebücher aufschlägt und zurechtlegt, sich die zeremonielle Schärpe überstreift und eben die Liturgie zelebriert.

Teil der Zeremonie ist das »Baden« eines Kreuzes im Wasser, das dadurch wohl den himmlischen Segen erhält.

Gegen Ende steht dann ein vollmotivierter junger Mann in T-Shirt und Hose bereit, um ins Wasser zu springen und das mittlerweile dort hinaus geworfene Kreuz (es schwimmt!) mit kräftigen Armschlägen zu holen und wieder an Land zu bringen. Das wiederholt sich noch zweimal und dann ist wohl genug.

Vom Wasser des Pokals wird nun ausgeschenkt, viele tragen das geweihte Wasser mit sich zurück zum Café und zum »Apanemi«, dem Fischrestaurant, in dem wir uns schnell zwei Tische sichern, denn wir sind ja zu sechst. Auch der Priester hat seine Sachen zusammengepackt und geht zurück zum Auto und dann zum Essen.

Vom gegrillten Gemeinschaftsfisch bleibt nur was für die Katzen übrig.

Nachklang

Bei diesem herrlichen Wetter geniessen wir natürlich auch die Rückfahrt über die Berge, werfen einen Blick auf Filoti und hinüber nach Paros und darüber hinaus.

und beenden den Tag bis zum Sonnenuntergang bei Cappuccino und Kitron im Café … – richtig: Kitron

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Jahresbrief 2017 – Annual Letter 2017

Die Bucht von Pylos, Peloponnes

Nordufer der Bucht von Navarino (Pylos)

Montag, 25.12.2017, 16:32:11 :: Galanado

Rückblick zu halten wird mit den Jahren immer wichtiger. Zumindest subjektiv, denn die Wegstrecke hinter einem wird immer länger, während man vor sich doch das Ende weiss, wenn man ehrlich ist.

Aber auch objektiv ist es hilfreich, kann man doch dabei ableiten und bestimmen, was noch nicht getan ist von all dem, was man sich so ausgedacht und erträumt hat. Und was man definitiv falsch gemacht hat.

Nicht zuletzt rühren daraus auch sehr häufig all die guten Vorsätze für’s Neue Jahr, von denen wir wissen, dass sie schneller vergessen als gefasst sind.

Also …

… hier ist unser Jahresrückblick, den Lis wieder mit vielen Bildern in ein PDF gepackt hat. Es gibt zwei Versionen:

  1. die mit den »schönen«, sprich hochaufgelösten Bildern. Sie ist für die Mitmenschen, die genügend Geduld aufbringen, die lange Ladezeit abzuwarten; 106 MB sind durch’s Internet zu ziehen und das kann dauern
  2. die Version für eher reine Leser, die auf Bildqualität (zunächst) verzichten können und wollen. Sie werden mit 6 MB nicht allzu lange warten müssen

In jedem Fall: Viel Freude beim Lesen.

Links:

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Ein altes, leidiges aber eminent wichtiges Thema

Montag, 25.12.2017, 13:46:59 :: Galanado

Jan Fleischhauer, der ewig provozierende Kolumnist hat sich auf SPIEGEL ONLINE unter der Überschrift Neue Klassengesellschaft –
Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern
gefragt …

… Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern? Oder anders gefragt: Ist Armut eine Entschuldigung, den Kindern nicht vorzulesen?

Und Mirko Wenig, ein Blogger hat darauf sehr dezidiert geantwortet: »Dumm und selbst schuld dran? Von wegen.«

“Ich bin der Working Class Proll” – ein offener Brief an Jan Fleischhauer

Da kam mir mein Blogbeitrag Die Unterschicht… vom 11. November 2006 (!) wieder in den Sinn. Es ist erschütternd, wie sich das Thema durch die Jahre zieht und sich nichts bessert.

Auch die Nachdenkseiten haben unter Nr. 17 reagiert: »Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern«

… Das erstaunliche ist, dass Fleischhauer in dieser verächtlichen Sprache über Bürger dieses Landes herziehen darf, ohne dass sich aus dem doch so gebildeten und humanistischen idealen verpflichteten gehoben Bürgertum auch nur die Andeutung von Widerspruch bemerken lässt. Hätte Fleischhauer in diesem Tenor über Flüchtlinge geschrieben, eine Welle der Empörung wäre von der Seite des linksliberalen Just Milieu hervorgebrochen. Wobei Fleischhauers Menschenverachtung durchaus kompatibel mit der Haltung des neuen akademischen linksurbanen Milieus ist, dass die weiße Unterschicht wegen ihrer vorgeblichen intellektuellen und kulturellen Rückständigkeit verachtet, mindestens ignoriert und grundsätzlich für sexistisch und rassistisch hält. …

Jan Fleischhauers Gedanken und Ansätze sind ja im ersten Anlauf so falsch nicht. Er übersieht u.a. aber geflissentlich, dass die Schaffung von Unterprivilegierten politische Pflichtübung ist. Die „Unterschicht“ als wärmende Matratze der Mittel- und Oberschicht ist notwendige Voraussetzung für das feine Leben der zwei Letzteren. Und eben auch für Herrn Fleischhauers gemütlichen Schreibplatz. Wer Schule und Universität zur Ausbildungsstätte von für Industrie und Wirtschaft brauchbares Menschenmaterial degradiert, wer gewisse Studiengänge oder Wissenschaftszweige für entbehrlich, ja schlichtweg für unnötig hält, der produziert bewusst Unbildung, ja Nichtbildung. Und _das_ sollte ein zweifellos gebildeter Journalist wie Herr Fleischhauer bedenken und artikulieren. Weil er es weiß. Und dennoch verschweigt.

Eine Frage, die ich zumindest erwartet hätte, ist die, wie man bei Kindern Interesse und Neugier weckt und erhält. Erhält! Nicht nutzt. Und die weiteren Fragen nach den Ursachen, diese nicht nur bei den Eltern zu suchen sondern in der Gesellschaft, wie zum Beispiel beim Unterschichtenfernsehen, das ja nun gezielt eingesetzt wird und das wir zwangsfinanzierten; womit wir wieder bei dem w.o. angesprochenen »Unterbodenschutz« für Mittel- und Oberschicht wären.

Provokation ist noch lange kein Journalismus, Herr Fleischhauer. Auch wenn ich ihre Denkanstöße zuweilen schätze.

Es lohnt, die Referenzen druchzulesen. Eine Menge, um darüber nachzudenken.

Links:

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Russland, zieh´ Dich warm an, die Grünen kommen!

Freitag, 17.11.2017, 15:03:41 :: Galanado

Diesen Artikel der Grünen Marieluise Beck auf der Webseite ihres frisch gegründeten Thinktanks muss man sich zumuten. Unbedingt. Sie fragt dort »Wie soll Europa mit Russland umgehen?«. Schon diese Anmassung im Titel muss neugierig machen.

Jens Berger hat auf den Nachdenkseiten darauf eine saubere Replik abgeliefert, die nicht nur inhaltlich wichtig sondern auch sprachlich eine Meisterleistung ist.

***

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Nachdenkseiten

Moderne Pickelhauben und liberale Denkhaubitzen – Russland, zieh´ Dich warm an, die Grünen kommen!


Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Grüne, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft, Strategien der Meinungsmache

Das Klischee will es ja, dass man mit säbelrasselnden Pickelhauben eher das reaktionäre Bürgertum verbindet. Und da ist ja auch ein Stück Wahrheit dran. Früher waren es vor allem die alten korporierten Herren, die mit Schmiss im Gesicht und Schiss im Hirn den Osten heim ins Reich holen und den Russen am deutschen Wesen genesen lassen wollten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die neuen Russenfresser bezeichnen sich als weltoffen, liberal und modern und entstammen dem fruchtbaren Schoß der politischen Linken, die sie heute mit schon fast religiösem Eifer bekämpfen. Ein herausragendes Exemplar der Gattung politisch korrekter Säbelrassler ist das Ehepaar Ralf Fücks und Marieluise Beck. Die beiden grünen Politrentner weigern sich standhaft, ihre üppigen Pensionen zu genießen. Stattdessen wollen sie die Welt mit ihrem neu gegründeten Think Tank „LibMod – Zentrum Liberale Moderne“ nach ihren Vorstellungen formen. Von Jens Berger.

Hätte man Ralf Fücks 1973 im Gefängnis erzählt, dass er 44 Jahre später für seinen unermüdlichen Einsatz, Kapitalismus und Freiheit nach amerikanischer Lesart weltweit auch mit militärischen Mitteln zu verbreiten, vom Springer-Verlag gefeiert wird, hätte der damalige „Rädelsführer“ Heidelberger Studenten, der sich später den Maoisten und viel später den Grünen anschließen sollte, wohl schallend gelacht. Auch die junge Marieluise Beck, die in den späten Siebzigern über die Anti-Atomkraft-Bewegung mit der Friedensbewegung und den Grünen in Kontakt kam, hätte damals sicher nie gedacht, dass ausgerechnet sie selbst im Alter nicht mehr für Völkerverständigung, sondern für die militärische Vorwärtsverteidigung westlicher Werte eintritt. Das Leben schreibt nun einmal die seltsamsten Geschichten.

Fücks ging diesen Sommer in Rente, nachdem er ganze zwanzig Jahre lang die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung zu einer Vorfeldorganisation des Liberalismus amerikanischer Denkart und einem Lautsprecher transatlantischer Sicherheitspolitik gemacht hat. Fücks Gattin Marieluise Beck hatte sogar das Kunststück vollbracht, die ohnehin in Richtung NATO driftende olivgrüne Partei in Überschallgeschwindigkeit rechts zu überholen und sich im bürgerlich-liberalen Lager als NATO-Cheerleader auf dem Propagandafeldzug gen Osten zu positionieren. Das ging selbst der grünen Basis in ihrem Landesverband zu weit, der sie in diesem Jahr nicht mehr mit einem oberen Listenplatz für die Bundestagswahl beglückte und damit endlich in die keinesfalls wohlverdiente Rente schickte.

Doch so einfach wird man das Duo Infernale des transatlantischen Bürgertums nicht los. Um sich auch künftig „mutig“ im Namen der offenen Gesellschaft öffentlich ins Rampenlicht zu drängen, überließen Ralf und Marieluise das Entenfüttern, Schrebergärtnern und ZDF-Gucken anderen Politrentnern und gründeten zusammen mit einigen mal mehr, meist weniger bekannten Gleichgesinnten eine Denkfabrik. Dabei sind unter anderem Daimler-Chef-Lobbyist und Atlantik-Brücken-Vorstand Eckart von Klaeden, das schwergewichtige Talkshow-Inventar John Kornblum, die ehemalige Weltbankerin Maritta Rogalla von Bieberstein Koch-Weser, Timothy Snyder, der immerhin Putin und Auschwitz so wunderbar geistlos zu verbinden weiß und zahlreiche andere, meist ältere Personen aus dem Umfeld transatlantischer Denkfabriken und PR-Agenturen. Die Zusammensetzung ist ungefähr so überraschend wie der allmorgendliche Sonnenaufgang und jedes kritische Wort zu diesen intellektuellen Gulaschkanonen transatlantischer Einfalt wäre ein Wort zu viel.

Auch der Rest der Story ist in etwa so spannend wie die Frage, wer nächster deutscher Fußballmeister wird. Natürlich hat die neue Denkfabrik teure Büroräume im Zentrum von Berlin und natürlich weiß wieder einmal niemand, woher das Geld dafür eigentlich kommt. Natürlich betreibt man das erste Projekt, mit dem man über die Ukraine „aufklären“ will, zusammen mit und finanziert von einem Think Tank aus dem großen Denkfabrikenreich des George Soros. Natürlich sprach die Laudatio zur Gründung von LibMod niemand anders als Mr. Freiheit Joachim Gauck höchstpersönlich und die BILD erklärt auch gleich prominent, warum „Putin diese Denkfabrik fürchten muss“. Potztausend! Und auch die taz ist aus dem Häuschen und freut sich schon darauf, dass nun die „Putin-Freunde von RT Deutsch bis Nachdenkseiten“ sich „am neuen Think-Tank abarbeiten werden“. Zumindest dieses Mal, liebe taz, springen wir auch noch einmal über das Stöckchen, obgleich diese ganze Sache eigentlich gar nicht satisfaktionsfähig ist.

Fücks, Beck und Co. sollten doch eigentlich längst als olivgrüne Fair-Trade-Pickelhauben bekannt sein und für eine ernsthafte Debatte hat sich das russophobe Rentnerpärchen doch schon lange disqualifiziert. Aber klar, die taz wird sich sicherlich freuen, künftig noch mehr kostenlosen Content angeboten zu bekommen, der garantiert putinfrei ist und Spuren von linksliberaler Kuschelrhetorik enthält. Noch nie klang das Benedictio Armorum so nachhaltig. Russland, zieh Dich warm an – die Grünen kommen!



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* Rund Europa 2017: Peloponnes (Mai & Oktober)

Freitag, 17.11.2017, 13:58:05 :: Galanado

So. In ein paar Tagen sind alle Beträge der diesjährigen Rundreisen im Kasten. Man kann also nachlesen.

Einzelheiten…

…gibt es hier.

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Kriegsgefahr: Keine Gnade für die späte Geburt

Mittwoch, 08.11.2017, 12:33:00 :: Galanado

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Quelle des Textes:Neulandrebellen :: Mit Genehmigung des Autors

Tom Wellbrock 8. November 2017

Die Frage, ob uns ein Krieg bevorsteht, wird von den meisten Menschen ausgeblendet. Das ist nachvollziehbar. Aber es ist auch fatal und extrem riskant, denn wir stehen an einer Schwelle, die alles, was wir aus dem Kalten Krieg kennen oder gelesen haben, in den Schatten stellt.

Russland bedroht uns. So wird es uns eingehämmert, immer und immer wieder. Und mit dieser Argumentation rüstet die NATO erneut auf. Um sich zu schützen, wie es heißt. Vor Russland, wie man hört. Also alles zur Verteidigung. Abgesehen davon, dass diese Sicht der Dinge auf einem komplett faktenlosen Boden steht, sollten wir unsere Sorge einer viel konkreteren Gefahr widmen: einem Angriffskrieg durch den Westen, angeführt durch einen US- Präsidenten, der nicht nur morgens keinen Schimmer hat, was er abends denkt, sondern darüber hinaus dazu neigt, seine Entscheidungen spontan zu treffen. Eine Angewohnheit, die für einen Präsidenten normalerweise undenkbar sein sollte. Dennoch unterscheidet sich Trump nicht großartig von seinen Vorgängern, die alle das gleiche Problem hatten wie er. Sie sehen, wie das Imperium USA seit Jahren immer schwächer wird, finanziell und wirtschaftlich. Russland könnte, zumindest gemeinsam mit China, zu einer Macht werden, die die USA in den Schatten stellt. Aber wer hoffen mag, dass dadurch etwas besser werden könnte, dürfte sich täuschen. Denn die USA werden das nicht zulassen, ohne im Zweifel alles mit sich in den Abgrund zu ziehen, einschließlich der eigenen Bevölkerung, von der Europas ganz zu schweigen.

Das Imperium auf schwachen Beinen

Imperien haben ein Zeitfenster, innerhalb dessen ihre Existenz besteht. Das Ende eines Imperiums markiert nicht etwa ein Knopfdruck (in diesem Fall allerdings könnte es anders sein), der die Sache ein für allemal erledigt. Stattdessen setzt es sich zur Wehr, mit allen ihnm zur Verfügung stehenden Mitteln, und erst recht, wenn es sich dabei um die USA handelt, die für sich in Anspruch nehmen, die einzig wahre Gesellschaftsform der Welt darzustellen, die eine legitime Berechtigung hat. Doch die USA schwächeln. Die Staatsverschuldung ist gigantisch, die innenpolitische Lage ist dauerhaft von Spannungen geprägt, die seit Jahrzehnten realisierte Expansion, oder besser: Einverleibung anderer Länder läuft nicht so, wie sich das die USA erhofft haben. Rüstung und Krieg zählen mittlerweile zu den wenigen lukrativen Aktivitäten der USA, und schon deshalb ist die Sorge vor einem Krieg nicht unrealistisch, sondern folgerichtig. Doch so richtig mag kaum jemand diese Gefahr erkennen. Das liegt unter anderem daran, dass heute viele Menschen selbst keinen Krieg erlebt haben, einmal abgesehen von den Berichten in Zeitungen, dem Fernsehen, Radio oder im Netz. Doch das alles wirkt abstrakt, weit weg, und wenn sich die Menschen vornehmlich darüber Gedanken machen, ob sie sich das neue iPhone kaufen oder lieber doch ein anderes Modell, kann die Lage so schlimm nun auch wieder nicht sein.

Aber das ist sie. Wir erleben erneut, wie die NATO sich weiter ausdehnt, unter fadenscheinigen Argumenten, die – bei Licht betrachtet – nicht haltbar sind. Wer wirklich glaubt, „der Russe“ hätte es auf uns abgesehen, würde Deutschland und/oder andere Länder in der Einflusssphäre der NATO überfallen wollen, der muss schon ein paar Substanzen eingeworfen haben, die die Wahrnehmung zwar erweitern, das aber ganz sicher nicht bereichernd tun.
Dieselben Substanzen müssen auch Politik und Medien eingeworfen haben, oder – und das ist realistischer – die Lügen haben Methode. Im Handelsblatt war am 7.11.2017 zu lesen:

Die NATO will mit einem weitreichenden Umbau ihrer Kommandostruktur auf die aggressive russische Politik reagieren. Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte, man strebe eine Modernisierung und neue Kommandozentren an.

„Aggressor“ Russland

Bemerkenswert an dieser Einleitung ist die Selbstverständlichkeit, mit der „aggressive russische Politik“ unterstellt wird. Damit einher geht das Grundgefühl der notwendigen Selbstverteidigung seitens der NATO. Immerhin, im weiteren Verlauf des kurzen Textes heißt es zwar, dass diese Aggressivität von der NATO nur als solche „wahrgenommen“ werde. Dennoch ist der allgemeine Tenor bei Medien und Politik, dass Russland „uns“ bedrohe und die NATO sich daher verteidigen müsse. Die Tatsache, dass die NATO sich seit Jahren Russland immer mehr nähert und ihrerseits eine Aggressivität an den Tag legt, die ihresgleichen sucht, fällt unter den Tisch, das würde die gedankliche Gesamtkonstruktion zu sehr stören.

Man muss nicht studieren oder halbe Bibliotheken durchforsten, um heraus zu bekommen, dass die USA weltweit in 156 Ländern Militärstützpunkte haben, Russland dagegen in nur 20. Auch die Militärausgaben der USA liegen mit 611 Milliarden Dollar erheblich über denen von Russland, das 69,2 Milliarden Dollar ausgibt. Und dabei sind die Militärausgaben der anderen westlichen Länder natürlich noch nicht mit eingerechnet.
Da liegt die Frage nahe: Wer bedroht hier eigentlich wen?

Der hier verlinkte, sehr lesenswerte Artikel auf den NachDenkSeiten von Brigitte Pick ist im Übrigen sehr ernüchternd, sogar erdrückend, und er zeichnet ein Bild, das über das sprichwörtliche „Säbelrasseln“ hinausgeht. Wir befinden uns schon heute an einem Punkt, der jeden Moment in einer tödlichen Explosion münden kann. Doch die
http://www.neulandrebellen.de/2017/11/kriegsgefahr-keine-gnade-fuer-die-spaete-geburt/ 08.11.17, 11=19 Seite 3 von 6

allgemeine Wahrnehmung ist gewissermaßen nicht „bereit“ für einen Krieg, nicht in der Verfassung, die Vorstellung konkret im Kopf wachsen zu lassen. Das ist nachvollziehbar, denn wer will sich schon damit beschäftigen, dass ein Krieg – der dann wahrscheinlich ein Atomkrieg sein wird – eine ernsthafte Bedrohung sein könnte? Niemand, der bei Verstand ist und sein Leben liebt. Oder, von der anderen Seite aus betrachtet: Jeder, der das Leben liebt, sollte sich mit dem Gedanken daran beschäftigen.
Hinzu kommt, dass wir Krieg nur aus der Berichterstattung kennen, er ist für uns so real wie ein Film oder ein Clip im Netz, den wir beiläufig sehen und kurz schockiert sind. Nichts, was uns wirklich bedrohen könnte. Und das ist das Problem. Die Schnelllebigkeit kommt erschwerend hinzu, täglich, ja, sogar stündlich werden neue Säue durchs Dorf getrieben, wir haben überhaupt keine Zeit, uns mit dem Gedanken an einen Krieg zu beschäftigen, und das, obwohl die Aufrüstung seit Jahren läuft und läuft und läuft.

Wir wollen nichts sehen

Letztlich aber ist es auch die späte Geburt, die uns den Gedanken an einen Krieg verhindern lässt. Die meisten von uns können sich nicht vorstellen, dass sich an ihrem Leben etwas ändern könnte. Zumal wir uns mit Dingen wie der Sitzordnung im Bundestag beschäftigen, mit Sondierungsgesprächen, die womöglich einmal zu Koalitionsgesprächen werden, mit Provokationen der AfD oder der Frage, wie in diesem Jahr Weihnachtsmärkte heißen werden. Aber auch mit existenziellen Dingen wie niedrigen Löhnen, dem Ausverkauf der gesetzlichen Rente, der Privatisierung der Daseinsvorsorge, Armut, kaputte Infrastruktur und Mieten, die zunehmend unbezahlbar werden. Dann kommt die Digitalisierung hinzu, viele Dinge, die wir nicht beurteilen können, die uns Angst machen und mal mehr, mal weniger beschäftigen. Da ist für den Krieg, der womöglich auf uns zukommt, einfach kein Platz mehr.

Wir müssen das aber verstehen. Wir befinden uns mitten in einer West-Ost-Konfrontation, die ein Ausmaß erreicht hat, das den Kalten Krieg übertrifft. Weil die Machtansprüche heute stärker sind, weil die Abschreckung, die zu Zeiten des Kalten Krieges schon ein Tanz auf dem Vulkan war, heute weniger eine Rolle spielt als die Aufteilung der Welt in neoliberale Planquadrate. Es geht nicht mehr darum, dem Gegner klar zu machen, dass er bei einem Krieg genauso verlieren würde wie man selbst. Es geht inzwischen um Strategien, die das Ziel haben, erstens selbst heil aus der Sache heraus zu kommen, weil die militärischen Mittel und Abwehrmechanismen heute ein anderes Niveau haben als zu Zeiten des Kampfes zwischen dem Westen/der USA und der Sowjetunion. Und zweitens um die Ausdehnung des eigenen Machtbereiches. Gemeint ist hier primär der Machtbereich der USA, die ihre Felle zunehmend davonschwimmen sehen, weil sie in jeder Hinsicht dabei sind, ihre Stellung als Imperium zu verlieren. Doch das werden sie nicht kampflos zulassen, sie lassen es schon jetzt nicht kampflos zu und kämpfen verbal und militärisch gegen alles, was sich irgendwie realisieren lässt. Es ist daher eine Frage der Zeit, bis auch Russland ein konkretes, akutes Ziel militärischer Angriffe durch die USA und die NATO sein wird. Die Tatsache, dass die meisten Menschen dank ihrer späten Geburt einen Krieg nicht mehr hautnah erlebt haben, spielt bei diesen globalen Überlegungen keine Rolle.

Die USA befinden sich auf einem absteigenden Ast, und das schon länger. Die Tatsache, dass sie nun Trump als Präsident haben, macht die Sache nicht leichter, weil dieser Mann unberechenbar ist. Aber mit einer Hillary Clinton als Präsidentin sähe die Sache ganz sicher auch nicht anders aus. Das Imperium USA wird sich entweder mittelfristig erholen. Oder untergehen. Und dann gnade uns Gott. Oder wer auch immer.

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* Rund Europa 2017 (Oktober), 6. Tag: Archaia Pisa-Pylos

Montag, 16.10.2017, 19:27:41 :: Gialova/Pylos, Hotel Resort Zoe

Gestern Abend hole ich mir die letzten Nachrichten. Erleichtert bin ich nicht: In Niedersachsen hat die SPD die Stellung gehalten, die CDU leicht verloren. Und in Österreich sind die Rechten endgültig auf dem Vormarsch. Schönes Europa. Die ganze ehemalige k.u.k.-Ecke scheint sich gegen Brüssel im nationalen Separatismus einzuigeln.

Aber nicht deshalb habe ich die Nacht schlecht geschlafen. Als wir dann so gegen halb zehn in Archaia Pisa viel zu spät loskommen und uns nach Olympia hinunter zu begeben habe ich schon so eine Ahnung…

Und als ich dann auf den Parkplatz fahre, die Busse und die Menschenmassen sehe, da bin ich mir schnell sicher, dass ich heute wieder an diesem Kelch, ein viertes oder fünftes Mal, vorbei gehe, Kultur und Interesse an Altertümern hin oder her.

Und so gebe ich Gas. Wir grüssen noch schnell zurück, als eine Busladung Schwaben mit Hallo an uns vorbei zieht – sie seien aus Stuttgart, wir sollen Ludwigsburg grüssen – und fahren durch die wasser- und seenreiche Ebene gemütlich hoch in die Berge, am Hang der kommenden Bergrücken nach Süden. Das Sträußchen ist gesäumt von Olivenbäume, deren Äste tief herabhängen, schwer tragen sie an den reichlich reifenden Oliven. Es ist eine kleine Sorte, denn zuweilen wird schon geerntet.

Der Palast des Nestor ist das nächste Ziel auf dem Weg nach Pylos.

Im Bergdorf Mouzaki machen wir nach einer teils halsbrecherischen Fahrt auf geröllfeldartigen Strassenabschnitten halt für einen Kaffee.

Die Taverne führt eine blutjunge Mutter, hübsch aber sicher hier nicht glücklich mit ihrem ca. zweijährige Blondschöpfchen, auf das weniger die Mutter als die Gäste aufpassen…

Einer der Männer am Nebentisch erkundigt sich nach einiger Zeit wie üblich danach, woher wir kommen.

Naxos, antworte ich. Kennt er offenbar nicht, er murmelt was von »Epiroti«, was nahelegt, dass er Naxos in Nordgriechenland verortet. Sein Mitsitzer am Tisch, aus seiner Mimik und dem verständnisvollen Wiederholen des Wortes »Naxos« zu schliessen, hingegen schon. Ja, unsere griechischen Inselfreunde mögen schon recht haben: Wir kennen ihr Land oft besser als sie selbst.

Der Palast ist heute geschlossen

Als wir auf den Parkplatz unseres archäologischen Ziels rollen, ahne ich es schon: Der Palast ist eines jener Altertümer, die nicht so häufig besucht werden wie Olympia: Montag ist Ruhetag; »Δευτέρα« sagt der Arbeiter nur, der aus dem Gelänge kommend das Tor wieder hinter sich schliesst und nur die Schultern zuckt. Einen weiteren Reinfall ertrage ich heute nicht mehr. Wir suchen jetzt eine angenehme Bleibe, obwohl es erst kurz nach zwölf ist.

An der Nordseite der Buch von Pylos in Gialova finden wir direkt am Strand das Hotel Resort Zoe, das wir mit Emphase empfehlen können. Lis nimmt hier direkt ein Apartment mit zwei getrennten Zimmern. So ist die Nachruhe beider gesichert.


Wir kommen uns vor wie auf La Palma

Der Strand ist wie gesagt vor der Tür, ein grosses Schwimmbecken auf dem Gelände, ebenso ein sehr gepflegtes Restaurant. Alles perfekt. Morgen werden wir Nestors Palast nachholen und uns Pylos ansehen. Vor exakt 190 Jahren, genau am 20. Oktober 1827, fand in der Bucht vor uns,

wo wir hier am Strand liegen und die Beine nach Süden strecken, die entscheidende Schlacht von Navarino statt, nicht zu verwechseln mit der Seeschlacht von Lepanto. Die war 16.. weiter nördlich in der Bucht vor Patras beim heutigen Nafplio. Die extrem verlustreiche Schlacht hier in der Bucht bedeutete das Ende der osmanischen Herrschaft in Griechenland und machte klar, wer fürderhin in Griechenland das Sagen haben würde: Gross Britannien, Frankreich und Russland.

Auch Deutschland beziehungsweise Bayern wurde früher Nutzniesser:

Mit der ägyptisch-türkischen Flotte war eine große Anzahl bronzener Kanonen untergegangen. Ein Großteil davon wurde unter dem griechischen König Otto gehoben und als Recyclingmaterial in Europa verkauft, wobei etliche davon nach Bayern gelangten und für den Guss des Obelisken am Karolinenplatz in München, der Bavaria und der Tilly-Statue in der Feldherrnhalle verwendet wurden.

Wikipedia

Tauchen mit Atemgerät ist auch heute noch bei schwerer Strafe verboten – die gesunkene türkisch-ägyptische Flotte liegt noch immer da unten am Grund.

Wir geniessen indes den Abend.

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* Rund Europa 2017 (Oktober), 5. Tag: Tripoli – Archea Pisa

Sonntag, 15.10.2017, 22:20:22 :: Archea Pisa, Hotel Bacchus Ξενοδοχείο
Donnerstag, 16.11.2017, 22:21:39 :: Galanado

Mittwoch, 22.11.2017, 12:52:45 :: Galanado

Es ist Sonntag Morgen und ich denke, wir haben heute wieder Glück mit dem Wetter.


Blick über Tripoli aus dem Hotelfenster

Heute wollen wir uns mehr oder weniger quer nach Westen durch Arkadien schlängeln. Da ist viel Gebirge und daher sieht das auf der Karte nicht sehr direkt aus. Erreichen wollen wir Archea Pisa, oberhalb von Archea Olympia, das wir dann gleich morgen früh endlich gemeinsam besichtigen wollen.

Einwurf. Arkadien! Wem fällt da nicht Theo Lingen ein, als er »noch Prinz war in Arkadien«? Wohl eher den Älteren unter uns. Diese unglaubliche Interpretation von Theo Lingen in Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach aus dem Jahre 1978 ist es jedenfalls wert, hier auf Zuschauer zu warten.

Archea Pisa kennen und lieben wir: Wir waren dort schon einmal im Juni 2011 auf dem Weg nach Naxos. Das Hotel hat ein kleines Schwimmbecken und vom Hotel sind es dann nur ein paar Minuten hinunter zu den Trümmern. Lis hat sie vor vielen Jahren schon einmal besichtigt, gemeinsam sind wir immer wieder dran vorbei gefahren – zu voll, zu heiss. Diesmal wird es also endlich klappen, Mitte Oktober wird der Touristenansturm sich in den Grenzen halten, die ich akzeptiere.

Der Weg durch die Arkadischen Berge

Das ist eine herbstliche Fahrt, es geht auf über tausend Meter hoch. Da ist richtig Herbst, viele Bäume präsentieren sich stolz in feurigem Gelb, seltener in Rot. Aber es ist immer angenehm warm.


So sieht ein Höhen- und Geschwindigkeitsprofil aus

Langadia

Das bedeutendste Dorf auf dieser Strecke ist sicher Langadia

Lagkadia is the hometown of a number of fighters of the 1821 Greek War of Independence, such as the family of Deligiannis and Theophilopoulos.
It is also the hometown of craftsmen and builders whose reputation made it as far as Spetses, Hydra, and Ermionida, where the locals invited them to built their houses. It does not come as a surprise that these masters decorated their village with particular care and art, since at the time it was their means of advertisement.
Even today, the people of Lagkadia are reputed for their art and still make from stone-maved decorative mosaics to Byzantine roofs.

Quelle

Die Freiheitskämpfer werden hier hoch geehrt

Einschub: Während ich diesen Beitrag fertigstelle, hat sich der Aufstand der Studenten von 1973 an der Technischen Universität zum 44. mal gejährt. Warum ich das erwähne? Manolis Glezos, ebenfalls ein Freiheitskämpfer, der mit 95 Jahren immer noch unter uns lebt und aus Apiranthos auf Naxos stammt, hat die während des Aufstands ermordeten Studenten auf seine Weise geehrt: Mit zwei roten Rosen, gebeugt im strömenden Regen und doch aufrecht, mit erhobener Faust. Man schluckt unwillkürlich zwei, drei mal trocken. Authentische Persönlichkeiten sind ja rar heutzutage …


Quelle: KeepTalkingGreek

Es ist viel los hier, es ist ja Sonntag. Nicht nur sind die Dorfbewohner unterwegs und bevölkern die Strassencafés – das ist ja normal. Was die Durchgangsstrasse immer wieder kurz zur Hölle macht sind die Gruppen von Motorradfahrern, die hier einrücken oder eben nur durchknattern.

Irgendwann beruhigt sich alles wieder. Die Biker sitzen in der Stammtaverne und wir lassen uns nach längerem Bummel durch die Geschäfte und einem erheblichen Einkauf eines Teppichs und diverser Mitbringsel im open air Café nieder. Teppichknüpferei, Weberei und Pezverarbeitung sind Spezialitäten hier, selbstverständlich auch Holzverarbeitung und lokale Köstlichkeiten. Meist aber zu süss …

Neben der imposante Kirche und vielen fast schnuckeligen alten Häusern sieht man aber auch, dass vieles zerfällt, ein Phänomen, dass in allen griechischen Orten immer wieder traurige Realität ist.

Die Jungen verlassen ihre Heimat in Ermangelung einer Perspektive, das Haus der Eltern bleibt irgendwann alleine zurück. Und dann die Krise, sie sorgt für den Rest. Geschäfte, die aufgegeben wurden, sind ein trauriger Anblick in jedem Ort, selbst dort, wo der Tourismus tobt wie zum Beispiel in Delfi.

Weiterhin herbstlich und ein Genuss ist die restliche Strecke hinab nach Archea Pisa. Wir geniessen die weiten Blicke auf die nächsten Bergketten und irgendwann auch das Meer, wir überqueren Flüsse, die immer noch (oder schon wieder, denn es hat hier schon geregnet) reichlich Wasser führen, wie an vielen Orten spriesst auch hier das Alpenveilchen, überhaupt wird es wieder frühlingshafter mit dem Abstieg.

Hier der Erymanthos, Nebenfluss des Alfios und Grenzfluss zwischen den Regionen Arkadien und Elis auf der Westseite der Peloponnes, der Landschaft, in der eben dann Olympia liegt. Hier wurde ich endlich wegen des Namens fündig; einen Wikipediaartikel gibt es nicht. Am Alfion wiederum liegt Olympia.

Nach 127 km und 3 ¼ Stunden sind wir am Ziel und landen mitten in einer typisch griechischen Tauffeier, als deren Nutzniesser wir uns der heutigen Speisekarte gerne beugen. Zunächst gilt es allerdings, einen Parkplatz zu finden, damit wir unser Gepäck nicht hunderte von Metern zum Hotel tragen müssen. Aber auch das gelingt nach einigem Warten und Hin und Her.

Archea Pisa

Nach dem Bezug unseres grossen Dreibettzimmers und einem genussreichen Bad im Schwimmbecken direkt neben der lärmenden und plappernden Taufgemeinde, die aber mittlerweile schon beginnt, aufzubrechen …

… widmen wir uns dem Spanferkel, das uns reichlich auf den Tisch gestellt wird. Das ist keine Nouvelle Cuisine mit einem Tropfen Balsamico am Tellerrand sondern deftigste und unheimlich schmackhafte griechische Kost.

So kann der Abend kommen, der mit Bilderordnen und Vorbereitungen für morgen früh wieder viel zu schnell vergeht. Aber Olympia kann jedenfalls kommen.


Quelle: Wikipedia

Links:

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* Rund Europa 2017 (Oktober), 4. Tag: Tripoli

Samstag, 14.10.2017, 15:24:41 :: Tripoli, Hotel Arkadia

Das opulente Frühstücksbüfet hat uns heute früh weniger beschäftigt als die Frage, ob wir heute am Samstagmorgen eine Werkstatt finden würden, die uns nach Inspektion sagen können würde, was das Senfle denn nun hat, nachdem es ja gestern zu unserm Entsetzen begonnen hatte, schrille Töne von sich zu geben.

Zugegeben, es ist jetzt 16 Jahre alt, das Senfle, wurde von uns wahrlich nicht geschont seit wir es im Mai 2010 gebraucht erworben haben. Über 170.000 (einhundertsiebzigtausend) Kilometer hat dieser Twingo uns durch Europa getragen, auf den jämmerlichsten Schotterpisten und auf Autobahnen – es war, kurz gesagt, abzusehen, dass was Grösseres kommen würde. Aber warum ausgerechnet an einem »Freitag, den Dreizehnten«?

Nachdem wir auf der Bank Geld geholt und die iPhones mit Geld bei COSMOTE aufgeladen haben um dann endlich beim Deutschen ADAC eine Werkstatt genannt zu bekommen, fahren wir mit böser Ahnung stadtauswärts zur genannten Adresse, nachdem niemand ans Telefon gegangen ist. Nach etwas suchen finde ich auch die kleine Werkstadt für die Franzosen. Aber ein dickes Vorhängeschloss verheisst wohl, das eben Wochenende ist. Auch in Griechenland.

Also zurück zum Hotel; wir finden uns innerlich schon ab, dass es wohl Montag werden wird… Später versuche ich’s noch einmal mit einem Anruf – und es wird abgehoben!

English?
– Οχι, μονο Ελληνικά!

Das kann heiter werden. Als wir dort wieder vorfahren, steht ein freundlich lächelnder und des Englischen mächtiger junger Mann parat, hört sich alles an und übersetzt; der Chef hat ihn wohl extra herbei gebeten. Wir unterhalten uns über Naxos und über die Gegend von Agios Prokopios, die er sehr schätzt. In der Zwischenzeit ist das Senfle bereits jeweils links und rechts angehoben worden und die Vorderräder werden mit ordentlich viel Gas auf Hochtouren gebracht. Es scheint alles geklärt, unser Übersetzer verabschiedet sich mit einem gewinnenden Lächeln.

Ja, das sind die Kugellager

– auf beiden Seiten. Wir lernen, dass das die τα ρουλεμάν sind und dass sie ausgewechselt gehören. Wann? Heute? Ja, wenn wir wollen, das geht. Der Chef bestellt die Teile telefonisch, nachdem wir in der Zulassung die nötigen Daten gefunden haben und holt die Kugellager nach kurzer Zeit. Das Senfle steht mittlerweile auf der Hebebühne.

Der Mechaniker baut die Räder ab und inspiziert. Die Bremsen müssten auch gemacht werden, meint der Chef. Und die Manschetten an den Antriebswellen sind nach einem Jahr auch schon wieder hinüber – der Radkasten ist voller Fett. Und wenig später zeigt er mir das erhebliche Spiel der Räder – es sind die Gelenkköpfe. Und das Getriebeöl? Sei nicht mehr ok. Alles wird in kurzer Zeit telefonisch bestellt, vorbeigebracht beziehungsweise herbei geschafft.

All das erledigt der Mechaniker innerhalb von vier Stunden, die wir im Büro bei Versorgung mit Getränken und Knabberkram durch die Frau des Chefs bei funktionierendem Internet bei irgendwie stetig steigender guter Laune verbringen.

Die Chefin schmeisst den Laden hier organisatorisch. Sie haben drei Kinder, wir klagen gemeinsam über das miserable griechische Schulsystem, die hohen Kosten für die unvermeidlichen abendlichen Nachhilfestunden, ohne die kein Kind die Universitätsreife erlangen könnte. Urlaub? Kennt sie seit über 20 Jahren nicht, die Kinder und die Werkstatt, es reicht allenfalls mal für zwei, drei Tage nach Kalamata oder auf die Mani. Sie befindet, dass wir Griechenland besser kennen als sie…

Als nach einer Probefahrt durch den Chef alles klar ist bezahlen wir eine Rechnung, die in Deutschland gut und gerne doppelt so hoch ausgefallen wäre, verabschieden uns sehr dankbar und bleiben nun eben einen Tag länger in Tripoli.

Der Held des Tages

Falls also je jemand in Tripoli mit einem französischem PKW…

Tripoli

Die Stadt macht einen deprimierenden Eindruck mit all den geschlossene Geschäften. Aber dazu meinte die Frau des Werkstattchefs, dass es Tripoli noch relativ gut gehe, im Gegensatz zu Athen oder Thessaloniki. Und da hat sie sicher recht.

Wir werden also morgen früh weiterfahren, hinüber Richtung Olympia.

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